Natur & Spiritualität
Natur & Spiritualität                                                                                                                   

 

 

Märchen und Sagen

 

 

 

Weltweit erzählt man Mär-‚chen‘, 'kleine Geschichten'. Das Märchen ist die jüngere Schwester der Mythe. Sie ist leichter, unterhaltsamer, verständlicher als diese. Beide geben den Menschen Seelennahrung und innere Maßstäbe.

 

Die kleine M ä r hat stets klare, oft archetypische Paradigmen. Bei aller Gefälligkeit und Einfachheit tradiert sie wesentliche kollektive Erfahrungen und bewahrt die großen Themen der Menschheit:

 

Weg und Initiation, Liebe und Glück, Schicksal und Mut, Güte und Menschlichkeit, Prüfung und Bewährung, Kampf und Entscheidung, Mensch und Tier, Tod und Transformation.

 

 

 

Die Sage von einer weissagenden und wohltätigen Frau, nach der ein Berg benannt und deren segensreiche Hand noch heute in der Landschaft zu sehen ist.

 

 

 

"König bün ick! König bün ick!"


DER ZAUNKÖNIG

 

Ich will euch heute mal erzählen,
wie er zur Königswürde kam
Die Vogelwelt, die kam zum Wählen
den, der zur Sonne fliegen kann

 

Der Adler wollte König werden
und stieg zum Himmel steil hinauf
Ganz stolz sah er hinab auf Erden -
Doch einer war mit ihm gleichauf!

 

Ein kleiner Gast in dem Gefieder,
der hatte sich dort wohl versteckt
Der Adler wollte grad hernieder,
hat der die Flügel ausgestreckt

 

und flog behend noch etwas höher,
war nun der Sieger, sonnenklar!
Begeistert war man nicht von dem Akteur,
getötet hätt' man ihn beinah

 

Er floh, blieb Herr der Zäune, Gärten,
schlüpft heute noch durch jedes Loch
Ein Großer kann er zwar nicht werden,
ein Herzenskönig bleibt er doch

 

Grimms Märchen KHM 171

 

 

 

 

 

 

KÖNIG DROSSELBART (KHM 52)

 

 

So eingebildet war sie, stolz und schön
Und fragte wer: "magst mit mir geh'n?"
Prinzessin wies ihn sogleich ab
und spottete - das nicht zu knapp!

 

Der eine war ihr viel zu dick:
"Du Weinfass geh mir aus dem Blick!"
Ein and'rer war ihr viel zu lang:
"So lang und schwank hat keinen Gang!"

 

Da kam ein Mann mit hohem Sinn,
ein König, bärtig, spitz das Kinn,
der liebte sie und sprach ganz zart -
Sie höhnte: „König Drosselbart!“

 

Ihr Vater war nun voller Grimm:
„Genug gespottet! Ich bestimm:
der nächste Bettler, der da kommt,
wird nun dein Mann, ganz prompt!“

 

Gesagt, getan. Ein Spielmann kam,
der sie sogleich zur Gattin nahm
Zu Fuß zog sie mit ihm durchs Land
gehüllt in Lumpen und in Schand'

 

Wohin sie kam, tönte es gleich:
„Das hier ist Drosselbartes Reich!"
"Ach hätt' ich nur den Mann genommen!
Ich werd' ihn nicht zurückbekommen!"

 

Sie zog zum Mann ins kleine Haus
Die Hausarbeit war ihr ein Graus
Er gab ihr Töpfe für den Markt,
die bot sie feil, verdiente karg

 

Da galoppierte ein Husar,
betrunken, wie er nun mal war,
ritt gradewegs durch ihr Geschirr
Sie weinte laut und wurd' fast irr

 

Ihr Mann entschied: „Geh hin zum Koch!
Im Schloss gibt's Arbeit immer noch
Der König feiert da ein Fest,
zu dem er ganz fein kochen lässt!“

 

Am großen Tag stand sie versonnen,
ihr Stolz war weg, ihr Glück zerronnen
Der König, ganz in Samt und Seide,
kam auf sie zu in ihrem Leide

 

und sprach ganz freundlich: "Fürcht' dich nicht!
Ich bin es doch, der zu dir spricht!
Ich war der Spielmann, der Husar,
der Mann, der immer bei dir war!

 

Ich wollte deinen Sinn umkehren
und dich gewinnen, dich was lehren
Ich hab dich so geliebt, verehrt:
war das denn falsch, war es verkehrt?"

 

Da weinte sie und sprach: es stimmt!
"Verzeiht mir, König, ich war blind!"
Der sprach: "Vorbei ist nun die böse Zeit!
Nun wird gefeiert: die Hochzeit!"

 

 

   Paul Hey, König Drosselbart

 

 

 

 

 

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© Jürgen Wagner