Jürgen Wagner
Jürgen Wagner

 

 

 

Spiritualität und Religion

 

 

 

 

 

BÄUME brauchen keine Spiritualität, Tiere auch nicht. Das ganze Universum pulst und ist in Bewegung, es tönt und leuchtet, es schwingt und entfaltet sich - aber es ist nicht fromm. Der Mensch ist das einzige Wesen, das Spiritualität und Religion lebt.

 

WIR sind das Wesen, das sich seiner selbst - und der Welt - bewußt geworden ist. Wir denken 'über' die Dinge und uns selbst nach - und schauen aus der Distanz. Dies gibt uns Macht und Möglichkeiten - aber auch das Gefühl, die ursprüngliche, 'paradiesische' Einheit und Unschuld verloren zu haben.

 

RELIGIONEN (re-ligio, Rück-bindung) haben sich auf den schweren Rückweg gemacht, die Verbundenheit mit allem wiederzugewinnen. Man möchte wieder werden wie ein Kind, aber ohne seine Reife und Bewusstheit einzubüßen. Das ist kein aussichtsloser, aber ein schwerer, paradoxer Weg. Man braucht eine religiöse Brücke, aber weiß, dass man sie wieder verlassen muss, wenn man klar sein will.

 

Neben den spirituellen Pfaden, die in der Menschheit ausgebildet worden sind, gibt es immer auch die Möglichkeit, sich direkt den natürlichen Wurzeln zuwenden und sich da  zu öffnen. Da sind alle Dimensionen der Wirklichkeit ursprünglich präsent.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wir nennen uns ...

 

 

Wir nennen uns Buddhisten

und sind noch nicht erwacht.

 

Wir nennen uns Muslime,

die Frieden nie gemacht.

 

Wir nennen uns gern Christen

und sind kein Licht der Welt.

 

Wir wären gerne Menschen,

doch knien vor Macht und Geld.

 

Wir suchen alte Stätten,

doch haben wenig Zeit

 

Wir geh'n in die Natur,

nur unser Geist, der eilt

 

Kein Buddha wird uns helfen,

kein Jesus und kein Gott,

 

wenn wir nicht Schritte wagen,

verlassen uns'ren Trott.

 

 

 © pixelleo-fotolia

Die Macht des Mythos

 

 

 

Ein Mär-chen, das mag jeder hören,

doch eine Mär, die wird Dich stören

'Vom Himmel hoch' kam eine her,

gesungen leicht - doch mächtig schwer

 

bedrückte sie die Menschheit eben

Sie würde schlecht und sündig leben

mit falschen Göttern, falschem Glauben

Ein jeder würde lügen, rauben

 

Nur dieser Gott, der könnte retten

und sie befreien von den Ketten

mit blut’gem Opfer, wie man hört,

das sich der Gott auch selbst beschert

 

Den Irrsinn kann man schon durchschauen,

kann wieder sehen, hör’n, vertrauen,

die Welt so lassen, wie sie ist:

den Glanz, den Wandel und den Mist

 

und dies an einer Knospe lernen:

das Wunder kommt ja von den Sternen

und weckte Mutter Erde auf

So nahm das Leben seinen Lauf

 

und hat sich lange schon erhalten

Es mag vorangeh’n, sich entfalten

Es ist es wert, dass man es liebt

und dankbar etwas von sich gibt

 

Das Christuslicht wird weiter scheinen

Und bist du mal mir Dir im Reinen,

so kannst Du frei auf Erden wandeln,

kannst leben, sterben, ruhen, handeln

 

 

  

'Mär' war im Mittelhochdeutschen die Erzählung, Kunde: 'das war aber eine erbauliche Mär!' Das Mär-chen ist seine Verkleinerungsform: die kleine Geschichte, die kleine Kunde. Beides kann wertgeschätzt gemeint sein - oder kritisch: 'das war ein märchenhafter Tag!' - 'Erzähl mir keine Märchen!'

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Tore zum Paradies

 

 

 

 

Noch nie hat es so gut geschmeckt
Im Augenblick war es erfüllt
Der Apfel hat mich aufgeweckt
Das Paradies mir heut‘ enthüllt

 

 **

 

Was für ein Baum! Was für ein Wesen!
Du stehst hier viele hundert Jahr’
Für den Moment bin ich genesen
Als ich in Ehrfurcht bei Dir war

 

  **

 

Noch nie hab ich ihn so gehört
Noch nie hat er mich so berührt
Der Vogel sang so ungestört
Und hat mich lange noch entführt

 

           **         

 

Noch nie hatt’ ich Dich je geseh’n
Der Tag war nicht besonders hell
Da war’s im Augen-blick gescheh’n

Mein Herz hielt lange nicht mehr still

 

  ** 

 

Es war noch nie so still in mir
So friedvoll und so ganz bereit
Die Stürme haben sich gelegt
Das Meer war sanft, unendlich weit

 

 

 

 

 

 

© Roman Samokhin/Fotolia

 

 

 

 

The Way

 

 

 

 

 

Wherever you will go
Whatever you will know
Whatever you will gain
Whatever you will complain

 

Whatever you will see
Wherever you will be
Whoever you will meet:
The way is always under your feet

 

 

 

 

 

© hd-design - Fotolia.com

 

 

Transzendenz

 

 

Die Himmel und die Welten
Man fragt sich, was sie gelten

Was könnte man erleben?
Könnt' man in Höhen schweben?

 

Gibt's Götter, Paradiese,
die bess're Welt als diese?

Die Tiefen und die Sphären,
wo wir auch mal gern wären?

 

Was wir niemals vernehmen,
die Lichter und die Schemen:

es ist doch alles mit uns da,
zugleich ganz fern und auch ganz nah

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Impulse

 

 

 

 

Setz Dich wieder auf den Boden

Schwimm in einem kleinen See

Schau zur Nacht die Sterne droben

Sieh des Tags, was in der Näh'

 

Streife wieder durch die Wälder

Steig auf einen kleinen Berg

Gehe über leere Felder

Mut Dir zu ein kleines Werk

 

Bete wieder wie die Alten

Bitt' den Ahn', die Himmelswelt

Dass das Beste wir entfalten

Und zurechtkommt, was entstellt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

An manchen Orten kann man es erfahren,

wie Spiritualität und Natur,

Lebensfreude und Zurückhaltung

zusammenfinden - so auf der indonesischen Vulkaninsel Bali:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Gebet

 
 
 
 

Ich hab ein kleines Weltenhaus
mit Räucherwerk und Kerzen
Da leg ich meine Bitten rein,
den Dank und auch die Schmerzen

 

Die kleinen Zettel mehren sich
in sehr bewegten Zeiten
Doch Pflanzen grünen immer dort
bei allen Schwierigkeiten

 

Das Haus ist offen, steht bei mir
am stillen Ort der Kräfte
Die Gottheit, sie wohnt überall
und feine hohe Mächte

 

 

 

 

Ein nach altchinesischem Vorbild getöpfertes Mondhaus mit dem Seelenvogel auf dem Dach

 

 

 

 

 

 

Magie - ein altes Wort in uns're Zeit

 

 

 

'Das ist ein magischer Ort!' 'Sie zog ihn magisch an' - wir gebrauchen das Wort heute ganz gern wieder, aber verstehen noch nicht ganz, was es eigentlich meint.

 

Magie ist eine Fähigkeit, die wir ansatzweise alle haben: geistig zu handeln und dadurch etwas zu erreichen. Das macht der Handwerker, der Techniker, der Künstler, der Sportler - das geschieht auch im Alltag. Wir denken etwas - und setzen es um. 

 

Die Magie im engeren Sinn läßt die Hände weg: man sagt sich auf dem Krankenbett: ich w e r d' wieder gesund! - und glaubt daran. Man sagt einem niedergedrückten Mitmenschen: 'D u schaffst das!' - und gibt ihm einen Vertrauensvorschuss. Die Erfahrung zeigt, dass der Geist auch so wirken kann. Wenn Jesus sagt, dass der Glaube Berge versetzen kann, dann ist eben das gemeint: dein Geist, wenn er all seine Kraft auf den Punkt gesammelt hat, so klein und konzentriert ist wie ein Senfkorn, kann Dinge bewirken, die keiner für möglich hält. Dass das geht, hat er selbst seinen Schülern und Mitmenschen gezeigt. Aber sie ist natürlich ein Weg - und ein Bewusstwerden. Wir hatten als Kinder alle diese 'magische Phase', die uns aber auch gezeigt hat, dass ein Auto einfach weiterfährt, selbst wenn wir noch so stark daran denken, dass es stehen bleiben soll.

 

'Magie' ist nichts Böses, man hat sie verteufelt, weil man nicht mehr erkannt hat, was sie ist. Sie ist das Wirken des Geistes. Es kann zum Guten eingesetzt werden, aber auch zum Bösen. Auch Tyrannen glauben an sich, auch Liebeszauber kann u.U. einen Menschen von sich abbringen, auch Schadzauber ist nicht immer unwirksam - je nachdem.

 


In alter Zeit, als man noch keine hochentwickelte Technik, keine Krankenhäuser und vieles andere hatte, wusste man oft nichts anderes als das bittende Gebet oder eine magische Formel. Auch - und besonders - die Kriege wurden bis in unsere Zeit auch mit Hilfe religiöser und magischer Kräfte geführt (s. z.B. 2. Könige 6). So sind uns aus dem 9. Jahrhundert in einer christlichen Handschrift zwei alte vorchristliche Texte in althochdeutscher Sprache überliefert. Sie gelten nicht der Vernichtung des Feindes, sondern der Befreiung von (Kriegs-) Gefangenen und der Heilung des gebrochenen Fußes eines Pferdes.

 

Der erste sog. ‚Merseburger Zauberspruch‘ ist sprachlich sehr eindrücklich und wendet sich an die ‚Idisen‘, an hohe weibliche Geistwesen. Damit könnten Odins Disen gemeint sein, die sowohl im Krieg halfen (als ‚Walküren‘) als auch die Schicksalsfäden webten (Nornen).



Eiris sâzun idisi, sâzun hêra duoder.
Einst setzten sich die Idisen, setzten sich hierhin, dorthin

Suma hapt heptidum,
Einige bannten Feinde (hefteten Haft),

suma heri lezidun,
einige hemmten das (feindliche) Heer

suma clûbôdun umbi cuoniouuidi
Einige klaubten an den Fesseln (der Gefangenen)

Insprinc haptbandum, inuar uîgandun!
(Jetzt:) Entspringe den Haftbanden, entfliehe den Feinden!

 

 

Wenn man so einen Text heute vertont und singt - wie hier in einer Vertonung des Textes durch die Gruppe Ougenweide aus dem Jahr 1970 - , wird man vielleicht einen anderen Kampf im Sinne haben und andere Arten von Gefangenschaft, die u n s heute hemmen.
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Frömmigkeit der Zukunft

 

 

 

 

Man wird das Wasser


weniger dort schöpfen
wo es steht,
sondern dort,
wo es fließt,

weniger dort,
wo es so vieles mit sich führt,
sondern dort,
wo es sauber ist,

weniger dort,
wo es lauwarm ist,
sondern dort,
wo es erfrischt,

nicht mehr nur dort,
wo viele sind,
sondern auch dort,
wo noch keiner war

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

When the clouds pass by

and the morning sun rises,

when the mountains stick out

and a pine me surprises,

 

when the bad rain has stopped

and the mist has gone away,

I enjoy the the wide view

and the peace of this day

 

 

 

 

 

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© Jürgen Wagner