Jürgen Wagner
Jürgen Wagner

 

 

 

 

Jesus von Nazareth

 

 

 

 

Jesus von Nazareth war ein junger Mann in den Zeiten des Kaiser Augustus, der das Gottesreich predigte, aber es zugleich auch in Heilungen und Begegnungen manifestierte. Es war s e i n Geheimnis, das er in sich trug und er teilte es mit seinen Schülern in Gleichnissen (Mk 4/10-12). Er übertrug ihnen seinen Geist, so dass sie es ebenfalls vermochten, den Geist des Friedens und der Liebe hier auf Erden zu realisieren, den Geist des himmlischen 'Vaters'  (Mk 6/7-13).

 

 

Das ist nicht so neu und einmalig, wie man das im Christentum gerne haben wollte. Seit den Anfängen der Menschheit ging man auf die Ebene des Geistes, wenn man in Not war und nichts anderes half. Die Schamanen praktizierten das, das taten auch die Menschen, wenn sie beteten. So steht Jesus in der Tradition der alten geistmächtigen Heiler, charismatischen Prediger und inspirierten Propheten, die es nicht nur in Israel, sondern in jeder Kultur gegeben hat - und gibt. Es steht jedem Menschen frei, sich auf ihn zu berufen und in seinem Namen zu wirken - aber man sollte tatsächlich diesen Geist auch in sich aufgenommen haben, will man keinen Mißbrauch treiben.

 

 

 

 

 

Weder Jesus noch Buddha noch einer der vielen anderen großen Lehrer und Weisen der Menschheit wollten je, dass man einen Kult oder eine Religion aus ihnen macht. Sie taten einen Weg auf - und es war ihr Ansinnen, dass Menschen ihn beschritten und ihnen nachfolgten. Spätere Generationen aber hatten ein großes Bedürfnis der Verehrung, so dass aus Geschichten Mythen, aus Menschen Götter wurden.

 

 

 

 

Der Pantokrator (Weltenherrscher), Mosaik aus der Hagia Sophia in Istanbul (9.Jh.)

Bild © wrangel 123rf.com

 

 

 

 

 

Es war in antiken Zeiten nicht unüblich, Menschen in die göttliche Sphäre zu erheben. In Ägypten war der König immer 'Gottes Sohn'. Auch bei den römischen Kaisern fing man an, diese Apotheose (Vergöttlichung) zu praktizieren. So war der König geschützt, geehrt, er war tabu und konnte regieren. Das hatte man auch in Israel übernommen (Ps 2/7). In Jesus setzte man zur Zeitenwende ebenfalls diese Hoffnung, er könnte der erhoffte und prophezeite König (Messias) sein, der Israel erlöst und ein neues Zeitalter des Friedens und der Gerechtigkeit heraufführt.

 

Er hat es nicht getan. Er hat 'nur' einzelnen Menschen zu einer Heilung und inneren Umkehr verholfen. Aber das reichte, ihn in den Rang eines 'Gottessohnes' zu erheben. Er, der niemals eine Verehrung seiner Person geduldet hatte (Lk 18/19), wurde nach seinem Tod zu einem Gott (Joh 20/28). Visionen, die seine Schüler nach seinem Tod hatten, ließen ihn geradezu allmächtig erscheinen und gaben Anlass, die ganze Welt auf ihn einzuschwören (Mt 28/18).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

2000 Jahre später ist der göttliche Macht- und Glorienschein Jesu, der einmal das allerwichtigste war, tatsächlich das Allerentbehrlichste. Statt Kriege darum zu führen, Dogmen zu etablieren, ganze Völker in ein Bekenntnis zu zwingen, gilt es für Christen heute, tatsächlich so zu leben wir er. Der 'Hauptmann von Kapernaum' ist ebenso achtenswert wie die Frau am Brunnen oder ein eifriger Schüler wie Petrus. Wer immer bestrebt ist, in seinem Geist zu leben, wird früher oder später auch diese Erfahrungen machen - und aufhören, die Splitter im Auge der Anderen zu focussieren.

 

 

 

 

 

 

 

 

'Nachfolge' in seinem Sinne wäre, kurz gesagt, mit etwas Hilfe die eigenen Beschränktheiten zu überwinden - und selbst 'Christ' zu sein.

 

Jeder kann zu einem Licht für andere werden, zu lebensnotwendigem Salz für die Erde (Mt 5/13f). Jeder kann in die Welt etwas einbringen und bekommt in der Regel auch Unterstützung, wenn er sie braucht oder bittet.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Zeit des Kaisers Augustus war für Israel eine unruhige Zeit. Die Zeloten wollten den gewaltsamen Aufstand gegen Rom, die fromme Laienbewegung der Pharisäer vermied alle Konflikte und die wohlhabende Priesterschicht der Sadduzäer ging auch gern mal ins Theater und war den Römern und der Kultur freundlich gesonnen.

 

Jesus hatte sich der prophetischen Sicht Johannes des Täufers angeschlossen, dass die Zeit reif ist für das Kommen Gottes - entweder zum Heil oder zum Unheil, je nachdem wie man lebt. Nachdem Johannes ins Gefängnis musste, übernahm er die Predigttätigkeit (Mt 4/12ff). Das Kommen eines Gottestages war schon vielfach von den Propheten angekündigt worden: meist in schwerer Zeit und mit bedrohlicher Aussicht (Jes 13/6, Amos 5 u.a.).

 

 

Jesus - und das war das Besondere - legte den Akzent aber anders, auch anders als Johannes: er baute keine Drohkulisse auf, sondern rief das 'Gnadenjahr' des Propheten Jesaja aus (Lk 4/16ff). Er sprach auch drohende Worte, aber gegenüber den Reichen und Frommen, nicht zu den Armen und Ausgestoßenen. Meistens forderte er dazu auf, sich innerlich zu wandeln und zu klären. Tatsächlich geschahen dann durch Jesus und seine Schüler wohl erstaunliche Heilungen, die die Hoffnungen auf einen neuen David (König) und neue Verhältnisse nährten. Tatsächlich wurde er festgenommen, verhört und zum Tode verurteilt. Einen Messias konnten die Römer in Israel am allerwenigsten dulden. Das hätte früher oder später den Volksaufstand bedeutet.

 

 

 

 

Jesus zieht das letzte Mal nach Jerusalem und wird von den Menschen wie der neue König Israels (Messias) begrüßt (Kathedrale von Chartres, 13. Jh.)

 

 

 

 

 

 

Das erhoffte Gottesreich, das die Verhältnisse umkehrt und zu Frieden und Gerechtigkeit führt, ist so nie gekommen. Aber Menschen konnten das in sich realisieren und Völker konnten dies schrittweise und partiell umsetzen, so dass seine Botschaft nicht verloren ging. Es hätte wohl nie einen Sozialstaat, Menschenrechte und eine Entwicklung hin zu demokratischer Staatskultur gegeben, hätten seine Impulse nicht zuerst Einzelne und dann ganze Nationen in Bewegung gebracht und für 'Gott' und den 'Nächsten' sensibilisiert. Nur die übrige Kreatur blieb im Schatten - und muss heute nachträglich ins Bewusstsein gehoben werden, dass unsere Achtung und Liebe auch ihnen gilt, dass sie unsere weitere Verwandtschaft sind!

 

 

 

 

 

 

Das Christusmonogramm aus dem Book of Kells (um 800)

 

 

 

 

Dass ein tiefes, geistiges Band mit Jesus nicht zu einem Absolutheitsanspruch berechtigt, ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Kein Mensch und keine Religion haben Wahrheit, Offenbarung, Spiritualität und Ethik gepachtet. Dennoch tun sich die monotheistischen Religionen unglaublich schwer, auch die anderen Traditionen, auf denen sie z.T. fußen, zu tolerieren und zu respektieren. Was die heiligen Schriften gebieten, scheint sakrosankt zu sein. Wer den Geist Jesu aber in sich realisiert, merkt, dass der Mensch nicht für die Schriften und die Gesetze da ist, sondern dass es umgekehrt ist (Mk 2/27).

 

 

 

 

 

 

Marc Chagall, La paix (Der Friede) in der Chapelle de Cordeliers in Sarrebourg

 

 

 

 

Wie die drei ersten Evangelien schildern, lehrte Jesus vor allem in Gleichnissen und Bildworten, die einfach gefasst sind, aber es dennoch in sich haben. Sie zeigen etwas auf, was jederzeit möglich ist: dass der Himmel zu uns kommen kann. Wer im rechten Geist etwas erbittet oder wagt oder anstößt, kann auch etwas bewirken - notfalls kann er/sie auch mal einen 'Berg' woanders hin bitten (Mk 11/23f).

 

 

Wir zitieren hier primär einige außerkanonische Jesusworte, vor allem aus dem Thomasevangelium (TE), die die Mühlen der Tradition noch nicht zermahlen haben.

 

Zu beachten ist bei diesem Evangelium, dass es wie das Johannesevangelium erheblich eingefärbt ist. Johannes entwirft - lakonisch gesagt - in seiner Schrift 'einen Gott auf irdischer Durchreise' - bei Thomas mutiert er  zum mystischen Gnostiker. Doch gibt es im TE genügend Worte, die noch den jüdischen Geist atmen und einen frischen Blick auf schon lange Bekanntes erlauben.

 

 

 

 

 

 

Von der Ankunft des Gottesreiches

 

 

Seine Jünger sagten zu ihm: Das Königreich, an welchem Tage wird es kommen? Jesus sprach: Es wird nicht kommen, indem man darauf wartet. Man wird nicht sagen: Seht, hier ist es, oder: Seht, dort ist es. Sondern das Königreich des Vaters ist ausgebreitet über die Erde, und die Menschen sehen es nicht.

TE 113

 

 

 

Vom Nicht-Wissen

 

 

Das Königreich gleicht einer Frau, die einen Krug voller Mehl trug. Sie ging einen weiten Weg. Der Henkel des Kruges brach, das Mehl verstreute sich hinter ihr auf den Weg. Sie wusste es nicht, sie hatte das Unheil nicht wahrgenommen. Als sie in ihr Haus kam, stellte sie den Krug auf den Boden und fand ihn leer.

TE 97

 

 

 

Von der Blindheit

 

 

 

Zeigt mir den Stein,

den die Bauleute verworfen haben:

Er ist der Eckstein.

TE 66

 

 

 

 

Von der weisen Wahl

 

 

 

Der Mensch gleicht einem weisen Fischer, der sein Netz ins Meer warf. Er zog es aus dem Meer voll von kleinen Fischen; unter ihnen fand er einen großen, schönen Fisch. Er warf alle kleinen Fische zurück ins Meer und wählte den großen Fisch ohne Bedenken. Wer Ohren hat zu hören, möge hören.

TE 8

 

 

 

 

Vom Inneren und Äußeren

 

 

 

Trauben werden nicht von Dornensträuchern geerntet, noch werden Feigen von Weißdornsträuchern gepflückt, denn sie geben keine Frucht. Ein guter Mensch bringt Gutes aus seinem Schatz. Ein schlechter Mensch bringt Übles aus seinem schlechten Schatz, der in seinem Herzen ist, und er sagt Schlechtes, denn aus der Überfülle des Herzens bringt er nur das hervor.

TE 45

 

 

 

 

Von der Kraft des Guten

 

 

Das Königreich des Vaters gleicht einer Frau. Sie nahm ein wenig Sauerteig, arbeitete ihn in den Teig und machte große Brote davon. Wer Ohren hat, möge hören.

TE 96

 

 

 

 

 

Von den Hütern der Religion 

 

 

Wehe den Pharisäern, denn sie gleichen einem Hund, der im Futtertrog der Rinder schläft; denn weder frißt er, noch läßt er die Rinder fressen. Ihr aber seid klug wie Schlangen und rein wie Tauben.

TE 102,39

 

 

 

 

Von Verbindlichkeit und Freiheit

 

 

Als Jesus am Sabbat einen Mann eine Arbeit verrichten sah, sagte er zu ihm: Mensch, wenn Du weißt, was Du tust, bist Du selig! Wenn Du es aber nicht weißt, bist Du verflucht und ein Übertreter des Gesetzes.

 

Cod. D nach Lk 6/4

 

 

 

Von der Dunkelheit

 

 

Wenn ein Blinder einen Blinden führt,

werden beide in eine Grube fallen.

TE 34

 

 

 

 

Vom Umgang

 

 

Geht so mit den Menschen um,

wie ihr selbst behandelt werden möchtet.

Darin besteht das ganze Gesetz und die Propheten.

Mt 7/12

 

 

 

Von den Höhen

 

 

 

Eine Stadt, die auf einem hohen Berge erbaut und befestigt wurde, kann nicht fallen noch kann sie verborgen bleiben.

TE 32

 

 

 

 

 

Von der Ablehnung

 

 

 

Kein Prophet wird in seinem Dorf akzeptiert.

Kein Arzt heilt seine Bekannten.

TE 31

 

 

 

 

Vom Urteilen über andere

 

 

Du siehst wohl den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken im eigenen Auge siehst du nicht.

Wenn du den Balken aus deinem eigenen Auge entfernst, dann wirst du deutlich genug sehen, um auch den Splitter aus dem Auge deines Bruders zu entfernen.

TE 26

 

 

 

 

Vom Zorn

 

 

Jesus besuchte den Tempel in Jerusalem. Als er die vielen umtriebigen Händler und Käufer sah, stieß er die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenhändler um und jagte sie hinaus. ‚Mein Haus soll ein Haus des Gebetes sein‘ – so steht es in der Schrift. Ihr aber macht eine Räuberhöhle daraus.

 

Nach Mt 21/12f

 

 

 

 

Was Bestand hat

 

 

Das Königreich gleicht einem Kaufmann, der eine Warenladung hat und eine Perle fand. Jener Kaufmann war klug: er verkaufte die Warenladung und kaufte sich einzig die Perle. Auch ihr, sucht den Schatz, der nicht vergeht, der besteht, wo keine Motte zum Fressen eindringt und wo kein Wurm zerstört.

TE 76

 

 

 

 

 

Vom Tod

 

 

Jesus sprach: Es war einmal ein reicher Mann, der hatte viel Besitz. Er sprach: ich werde mein Vermögen benutzen, um zu säen, zu ernten, zu pflanzen, meine Speicher mit Früchten zu füllen, auf dass mir nichts fehle. So waren seine Gedanken in seinem Herzen; und in dieser Nacht starb er. Wer Ohren hat, der höre.

TE 63

 

 

 

 

Vom Vertrauen

 

 

Jesus war mit seinen Schülern auf einem Boot auf dem See Genezareth, als ein Sturm aufkam. Die Wogen schlugen in das Boot. Er jedoch schlief seelenruhig im Heck des Bootes, bis die Schüler ihn wachrüttelten. Er stand auf, bedrohte das Meer und die Winde und kritisierte den Kleinglauben seiner Männer. Der Wind legte sich und es entstand eine große Stille.

 

Markus 4/35ff

 

 

 

 

'Der Sturm' aus dem Evangeliar der Äbtissin Hidta von Meschede (um 1020 n.Chr.)

 

 

 

 

 

Eigene Gedichte

 

 

 

 

Manchmal

 

 


kommt einer, der ein Heiler ist,
der hinauswirft manchen Mist
Einer, der den Missstand sieht,
der frei durch alle Lande zieht


Einer, der vor Reichtum warnt,
der als Lebensziel sich tarnt
Einer, der den Hochmut zeigt,
 übertriebene Reinlichkeit

Einer, der den Frieden bringt,
 segnet, liebt, um Heilung ringt,
der erzählt vom Himmelreich
mit Geschichten als Vergleich  

Einer, der sich schlagen lässt
wo Gewalt nur wächst und wächst,
der besucht, die man verachtet
und das Leben klar betrachtet,

der das Große sieht im Kleinen,
 Kleines auch im Großen scheinen,
der mal öffnet eine Tür:
Jahrtausende verneigen sich dafür

 

 

 

 

Fensterrose in Notre-Dame, Paris, 13. Jh.

 

 

 

 

Jesus von Nazareth

 

 

 

 

Ein junger Mann aus Nazareth

verlässt Familie, Haus und Bett

Er macht sich auf nach der Berufung,

und trifft Johannes, eine Ahnung,

 

dass eine Axt schon liegt am Baum

Für Sinneswandel ist noch Raum

Ansonsten bleibt nur wenig Zeit

Der jüngste Tag ist schon bereit

 

Er lässt sich taufen, wie geraten

und geht fortan auf seinen Pfaden

Er kündet an die letzte Zeit

Macht Andere dafür bereit

 

Er schaut und wandert, mahnt und predigt,
erkennt und weiß, er heilt und betet
Es sind viel wunderliche Sachen
Die ihn zu dem Messias machen

 

schon in den Augen seiner Zeit,

die gerne wäre ganz befreit

vom langen Arm des fernen Rom

So viele Opfer gab es schon

 

Doch musst' er sich den Mächt'gen beugen

Die Geistlichen, sie waren Zeugen

Gut dreißig Jahre zählt sein Leben

Da musste er es schon hingeben

 

Doch ein Gerechter uns erstand

Ein Gottessohn, Prophet, Heiland,

dem nichts dran lag, ihn zu verehren,

doch viel, die Liebe zu vermehren

 

 

 

 

 

 

Wünsche - zu Lk 4/18f
LANDR-Wünsche.mp3
MP3-Audiodatei [5.0 MB]

 

 

 

 

Wünsche

 

 

 

Den Gefangenen Freiheit
Den Gebundenen Lösung
Den Traurigen Heiterkeit
Den Deprimierten Ermunterung

 

Den Kranken Heilung
Den Verlorenen Rettung
Den Reichen Bescheidung
Den Gewalttätigen Ächtung

 

Den Blinden, dass sie sehen
Den Tauben, dass sie hören
Den Lahmen, dass sie gehen

Den Wahrhaftigen, dass sie stören

Den Eiligen Besonnenheit
Den Trägen Erhebung
Den Zweifelnden Gewißheit
Den Einsamen Begegnung

 

 

 

 

 

Keltisches Kreuz auf einem schottischen Friedhof

© Joanna Zaleska 123RF

 

 

 

 

 

Die keltischen Kreuze sind anders als unsere Kreuze: sie zeigen neben dem Mysterium von Tod und Auferstehung auch das ebenso bedeutsame Kreuz des universellen Verbunden-, Verschlungen- und Verknüpftsein.

 

Das Kreuz war eigentlich eine römische Holz-Konstruktion, um schwere Verbrecher öffentlich und abschreckend qualvoll zu töten. Es wurde durch das Schicksal Jesu zum zentralen Symbol des Christentums bis heute. Doch wegen dieser klaren Botschaft von Schmerz und Tod ist es bis heute auch ein Hindernis, eine wirklich lebensbejahende Frömmigkeit zu entwickeln. Ein qualvoll Sterbender ist keine Ermutigung zum Leben, auch kein  Spiegel zur Selbsterkenntnis. Er ist vielmehr ein Anlass zu Trauer und Fragen nach der Schuld. So ist die bleibende Grundstimmung vieler Christen eben diese. Zentrales Ritual ist das Abendmahl: nicht wie damals als Essen und Trinken in der Gemeinschaft, sondern als Verinnerlichung des sündenver-gebenden Christus. Ohne den Sünder hätte die Kirche fast nichts mehr zu sagen und zu tun. Jahrhundertelang haben die Kirchen dieses Sündenbewussteins ausdrücklich gepflegt, sogar zu ihrem eigenen Machterhalt institutionalisiert und instrumentalisiert. Dieser Balken im eigenen Auge ist bis heute nicht beseitigt.

 

Den Sünder hat Jesus nicht gebraucht. Er hat den neugierigen Oberzollbeamten und Ausbeuter Zachäus einfach besucht und mit ihm gegessen - ohne Vorwürfe und Moralpredigt. Dann ist dem selbst ein Licht aufgegangen, was er in seinem Beruf falsch gemacht hat und wie er es wiedergutmachen kann (Lk 19/8).

 

Das wird glücklicherweise auch kirchlicherseits heute wahrgenommen. Dennoch hat man noch längst nicht damit aufgehört, die Sündigkeit auf die Menschen zu projizieren, anstatt wir uns in Liebe als Wesen mit Licht und Schatten annehmen.

 

 

 

 

 

 

Karfreitag

 

 

 

Ein Schrei geht zum Himmel

Ein Wort spricht zu Dir

Ein Herz das weit offen

Ein Liebender hier

 

 

 

 

Der Tod des Gerechten
Text und Musik: JW
LANDR-Der Tod des Gerechten.mp3
MP3-Audiodatei [3.4 MB]

Anfang des Markus-Evangliums aus dem Book of Kells

Die Kreuzestheologie

 

 

Die vorherrschende kirchliche Deutung des Todes Jesu als universeller Sühnetod steht in der archaischen Tradition des ‚Sündenbocks‘ von 3. Mose 16. Am großen Versöhnungstag wurden jedes Jahr in Israel zwei Ziegenböcke geschlachtet: einer für die Reinigung des Tempels mit seinem Blut; dem anderen wurde durch Handauflegung die Versündigungen der Menschen geistig übertragen, dann wurde er in die Wüste gejagt.

 

Jesus selbst hatte im letzten Pessachmahl Brot und Wein symbolisch genutzt, um sich von seinen Schülern zu verabschieden (Mk 14/22-24 mit Bezug auf 2. Mose 24/8, vielleicht auch auf Jes 53/1-6). Für ihn war sein absehbares unschuldiges Martyrium durchaus eine Hingabe – für seinen Schülerkreis, vielleicht auch darüber hinaus. Als universeller Sündenbock hat er sich sicher nicht gesehen, wohl aber als unschuldig Sterbender und von Gott Verlassener.  "Eli, Eli, warum hast Du mich verlassen?" (Mk 15/34). Mit dem Klageschrei von Psalm 22/2 ist er wahrscheinlich in den Tod gegangen.  Eine Theologie haben andere daraus gemacht.

 

 

 

Ausschnitt aus dem grünen Christusfenster Chagalls im Frauenmünster in Zürich

 

 

 

 

Wer ist Jesus?

 

 

Die einfachen Leute seiner Zeit sahen in Jesus die Wiederkehr eines der großen Propheten (Mt 16/14) - womit sie nicht ganz falsch lagen. Die frommen Pharisäer sahen in ihm eher einen Scharlatan (Mt 12/24) und böse Zungen sprachen von ihm als einem Freund der Sünder, mit welchen er gerne und reichlich isst und trinkt (Mt 11/19). Petrus und die Kirche sahen in ihm den Christus, den "Gesalbten", den König (Mk 8/29).

 

Wichtiger als alle Attribute, die wir ihm beimessen, ist, wes Geistes Kind wir selbst sind (Lk 9/55), was w i r leben und in die Welt bringen. Realisieren wir Glaubensmut und eine umfassende Liebe in uns, s i n d wir Teil seiner Vision. Bleiben wir in Theologien und Gedankengebäuden stecken, bleiben wir im dürren Reich der Vorstellungen und Begriffe.

 

 

 

 

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