Jürgen Wagner
Jürgen Wagner

 

WEIBLICHE GOTTHEITEN

 

 

 

 

DIE GÖTTINNEN UNSERER VORFAHREN

 

 

 

 

Der männlich-göttliche Aspekt, den bei unseren Vorfahren zunächst einmal Odin vertritt, ist auf Durchsetzungskraft und Weisheit ausgerichtet.

Der weiblich-göttliche Aspekt, den Frigga und Freya vor allem repräsentieren, umfasst das Hüten des Jahreskreislaufs und des menschlichen Lebens. Saat und Ernte, Arbeit und Ruhe, Liebe und Ehe, Geburt und Tod stehen im Vordergrund. Obwohl Freya und Frigga so nicht überlebten, existierten sie doch weiter in volkstümlicher Gestalt, die man unter verschiedenen Namen in Mitteleuropa findet: Frau Gode (Godan war Odin/Wotan), Frau Holle (vielleicht von Hulda), Frau Perchta, Gerke usf. Sie wurde zur Hüterin der Anderswelt, die gleichzeitig in der Brunnentiefe wie in den Himmelshöhen existiert. Ihre Hauptzeit, ist der stürmische Winter. Sie hat, wie ihr männliches Pendant, ebenfalls eine milde u n d eine raue Art. Sie kann reich schenken, wenn jemand das Verlangte tut. Sie kann auch unbarmherzig strafen, wenn das Gebotene versäumt wird. Ihre Spur reicht zurück bis zu den das Schicksal webenden Nornen. So dürfen wir davon ausgehen, dass im Volksempfinden das göttlich-Weibliche doch überlebt hat:

 

in unserem Empfinden für Gerechtigkeit,
in unserer Achtung des Jahreskreises,
im Fleiß unserer Arbeit und im Ruhen unserer Hände zu gegebener Zeit,
in der Liebe und dem Bund zwischen Mann und Frau.

 

Auch Maria und einige christliche Heilige haben etwas von dem Erbe bewahrt, unter anderem Namen und in einem anderen Kontext.

 

 

 

Bild: Frigga mit ihrer Dienerin Fulla, die ihr das Schmuckkästlein bringt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

FRIGGA/FRIJA

 

 

 

 

 

 

 

FREITAG: DER TAG DER FRIJA

 

 

 

 

Der Frija ist der Tag geweiht

Der Mutter und der hohen Frau

Das Erdenhaus, die Jahreszeit

Ist ihre stete Sorg und Schau 

 

Sie ist des Göttervaters Gattin

Im Wassersaal ist sie zuhaus

Die leise ahnend große Seh‘rin

Manchmal geht sie hinaus

 

In  heil'gen Zeiten zu beseh‘n,

Die Menschen, Pflanzen, das Getier

Schnell mit dem Winde kann sie geh‘n

Zu prüfen, was auf Erden hier

 

Gedeiht – auch was verdorben ist

Wer unbarmherzig, wer zu träg‘

Wer liebevoll und, wie ihr wisst

Das Werdende mit seinem Weg

 

Erscheinen mag sie hier und da

In heil‘ger Zeit kann es gescheh’n

Uns rührt was an, es ist was nah

Was wir im Herzen nur versteh’n

 

Die Wolken – und wie man sie webt

Das Schicksalsrad – wie man es dreht

Wie schüttelt man die Betten aus

So dass es schneit im Erdenhaus?

 

 

 

 

 

 

Frija ist der südgermanische Name von Frigg,  Göttin der Liebe und Ehe, Mutter- und Fruchtbarkeitsgöttin, die ihrem Gemahl Odin manch guten Rat für seine Unternehmungen gab. Wie auch der Freya ist das Falkengewand ihr Attribut. Ihr Palast ist Fensal (Sumpf- oder Wassersaal), sie webt die Wolken. Sie ist die Frau, die die Fäden in der Hand hat und den goldenen Rocken spinnt. Sie ist auch Himmelsgöttin, der Gürtel des Orion heißt in Schweden ‚Friggs Spinnrocken‘. Ihre Gestalt verschmilzt teilweise mit der Liebesgöttin Freya, die aber eher die ‚freie Liebe‘ verkörpert, während Frigg eher für Familiensinn und Häuslichkeit steht.. Der Freitag, friday ist nach ihr – oder Freya – benannt: der Tag der Fria.

Dies ist der einzige Tag der Woche, übrigens im babylonischen Ursprung der Venus gewidmet, welcher einer weiblichen Göttin gewidmet wurde.

 

Überhaupt ist Frigg die Göttin der Struktur, der Regeln und Gesetze. Als solche herrscht sie über die heiligen Ordnungen im Kosmos und in den sippenübergreifenden Zusammenschlüssen der Menschen. Sie schützt die Eide, durch die sich Fremde einander verpflichten und die Ehe, durch die nicht nur einzelne Frauen und Männer, sondern auch ihre Sippen verbunden werden.

Daher ist sie die Göttin der verheirateten Frauen, die nach germanischer Tradition richtige Herrscherinnen von Haus und Hof sind. Als diese spinnen, wirken und weben sie nicht nur Stoffe sondern auch die Geschicke aller Bewohnerinnen, über die sie die Oberaufsicht haben. Auf ihnen ruht auch die Behaglichkeit, das Glück des Hauses und der häusliche Friede.

 

 

 

 

 

Bild: Friggas Schlüssel

 

 

 

 

 

 

 

 

Frau Frigg lebt weiter - in der Seele, den Sagen und Märchen des Volkes

 

 

 

 

Frau Holle hieß sie in Hesseu und Thüringen, Frau Frigg in Brandenburg, Frau Gode in Mecklenburg, Frau Perchta in Bayern und Österreich usf. Die hohe Frau trug das Erbe nicht nur der Gattin des Göttervaters, sondern fast aller weiblichen Gottheiten des alten Europas. Weder die Nornen noch die Totengöttin Hel hatten noch einen Platz in der jüdisch-christlichen Tradition. Sie lebten nur noch in dämonisierter Gestalt weiter - oder unter dem Deckmantel von Heiligen. Aus dem ruhigen Totenreich Hels machte man die Hölle, aus Göttinnen und Seherinnen wurden menschenfressende und böse Hexen usf. Lediglich die 'huldvolle', aber auch strenge Frau Holle tolerierte man und so hat sie in Sagen und Märchen die Christianisierung überlebt.

 

 

Ihre Zeit ist vor allem der Winter und ihre Fürsorge gilt vor allem den Frauen und Mädchen. Aber sie füllte auch den Raum, den andere Göttinnen früher gehütet hatten und konnte fast die  ganze Naturmacht repräsentieren. Ihre 'großen Zähne' zeigen, dass sie zubeißen kann, ihre 'lange Nase', dass sie sehr 'guten Riecher' hat. Ihr Haus in der Brunnentiefe ist auch das himmlische Haus in den Höhen. Sie ist d i e himmlische Frau der Anderswelt - so wie der himmlische Vater in der jüdisch-christlichen Vorstellung auch die Welt regiert. Frau Holle ist mythisch nicht auf die große Göttin festgelegt, sie ist, anders als der christliche Gott, nicht dogmatisch fixiert. Sie gehört in einen polytheistischen Kontext - und darin sollte man sie auch lassen. Sie kann als schönes Mädchen erscheinen, als Alte, als Bettlerin, als weiße Frau. Sie hat keinen monotheistischen Anspruch. Neben Frau Holle/Frigga  wirken prinzipiell auch ihr Gatte Wodan und viele andere. Sie sind nur in den Dämmerschlaf der Geschichte versunken.

 

 

Ihre Zeit in Mitteleuropa waren die winterlichen Rauhnächte. Das war die Zeit des Übergangs von einem Jahr in das andere. Die göttliche Frau hütete den stillen Neuanfang der Natur, aber auch das Totenreich, die Spindel und die Spinnerinnen, die Arbeit und das Schicksal. Sie konnte so den Menschen nach ihrem Verhalten Glück oder Weh zuteilen.

 

Der Winter ist trotz seiner Kälte und seiner Stürme eine reich schenkende Jahreszeit – wenn man sie zu nehmen weiß. Das heißt vor allem, die Arbeit eine Zeit lang ruhen zu lassen und sich zurückzunehmen. In der heiligen Zeit gilt es, einmal wirklich zu pausieren.

 

Doch auch über den Winter hinaus war die Holle  Repräsentantin der Mutter Natur. Wenn Frau Holle sich kämmt, fließt Sonnenschein von ihrem Haar, wenn sie Feuer macht und kocht, ist die Welt von Nebel umhüllt, wenn sie ihre Schafe auf die Weide treibt, erscheinen Wolken am Himmel, wenn sie ihr Waschwasser ausleert, fällt Regen, wenn sie ihre Federbetten ausschüttelt, Schnee. In diesen einfachen Bildern hatte man das einst erfasst - vergleichbar dem Lied 'Weißt Du wieviel Sternlein stehen' in unserer christlichen Tradition, wo der himmlische Vater seine Schafe und Kinder hütet.

 

 

 

 

 

 

Eine Darstellung der 'wilden Jagd' der Winterstürme, die man sowohl männlich (Odin) als auch weiblich (Holle) personifizierte. Die Gottheiten waren nicht alleine, sondern mit ihrem jeweiligen 'Heer' unterwegs: Odin mit den verstorbenen Seelen der Krieger, Holle mit Frauen, den verstorbenen Seelen der Kinder und mit Tieren. Mancherorts stellte man in den Winternächten draußen kleine Tische mit Opfergaben  auf.

 

 

 

 

 

 

 

 

GÖTTLICHE GERECHTIGKEIT 

 

 

Wenn Stürme über Felder jagen

Und Eiswind fegt durch Wald und Haus

In solchen harten Wintertagen

Sah man der Götter wilder Braus

 

Da starben manche arme Seelen

Ob Mann, ob Frau, ob kleines Kind

Manchmal, da konnten sie noch wählen

Doch meistens ging es zu geschwind

 

Und himmelwärts sind sie gefahren.

So ging ein Bauer einst nach Haus

Mit drei Sack Mehl auf seinem Wagen

Und hielt im Sturm den Weg g'radaus

 

Die Luft war voll Gebell und Heulen

Frau Frigg, die kam ihm in den Sinn

In seiner Angst tat er sich beugen

Warf all sein Mehl ihr'n Hunden hin

 

Die, die haben es gefressen

Der Wind nahm alles, alles mit

Zuhause gab’s nichts mehr zu essen

Und keiner zeigte, was er litt

 

‚Sind Deine Säcke leer geworden‘

So sprach zu ihm die Ehefrau

‚So wirf sie hin mit deinen Sorgen!‘

Er tat es – und im Morgentau

 

Da standen sie gefüllt am Hause

Sie staunten über dieses Glück

"Nimmt Dir die Göttin was im Brause

Gibt sie's dem Bittenden zurück"

 

 

 

 

Im Zuge der Christianisierung traten die alten Götter langsam zurück, aber nicht ganz. Der schamanische Allvater Odin und seine seherische Frau Frigga erschienen den Menschen weiterhin: in den rauen Winternächten, besonders zu der heiligen Zeit der 12 geweihten Nächte mit ihren Hunden und toten Seelen. Denn in dieser Zeit starben etliche, die diese Kälte und Not nicht aushielten. Und so wusste man, dass die alten Götter, wenn sie sie mitnahmen, doch auch für sie im Totenreich sorgten. Aber man fürchtete sie sehr, den Wode und die 'alte Frick' - doch ein paar Sagen wussten noch um den Segen Gottes, wenn man sich angemessen verhält.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Winterstürme, die in der letzten Zeit des Jahres um die Behausungen jagten und heulten, an den Fenstern und Türen rüttelten, waren unseren Vorfahren ein deutliches Signal, dass wir Menschen es nicht nur mit uns selber zu tun haben, sondern größere Mächte unser Leben bestimmen. 'Die wilde Jagd', wie sie das nannten, nötigte einfach Respekt und Furcht ab. Auch uns Heutige würde es nicht kalt lassen, wenn wir in einer Hütte säßen, ein starker Schneesturm draußen unaufhörlich tobte, an allen Läden rüttelte und zerrte und unvermutet vielleicht sogar die Tür oder ein Fenster aufspränge. Da kann einer schon ins Nachdenken kommen, ob das ein Zeichen sein könnte, ob man im ausgehenden Jahr vielleicht alles richtig gemacht hat - oder ob man nun abgeholt wird ... .

 

 

 

 

 

                     

 

 

 

In unserer Zeit mit festen, sicheren Häusern, Zentralheizung und meist milden Wintern erleben wir das anders. Das 'Göttliche' erscheint uns selten noch so furchteinflößend. Wir sehen es im Zauber des Winters, wenn der erste Schnee fällt, wenn der Wald und die Felder weiß überzogen sind und die Wintersonne zum Wandern, Skilauf und Schlittenfahren einlädt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wenn 'Gott' uns besucht

 

 

 

Des Abends klopft es an die Tür,

der Bauer sieht ein altes Weib

Mit ihren Hunden steht sie da

und hätte gerne Brot, drei Laib

 

‚Geweihtes Brot liegt auf dem Speicher!

Das ist es, was ich hab noch heut!‘

Sie steigt hinauf und wirft’s herunter

Die Hunde fressen es mit Freud

 

Bestürzt sieht es der Bauer an,

aus Furcht wehrt er es ihnen nicht

Als sie ihr Mahl beendet hatten,

sagt ihm die Frau ins Angesicht:

 

‚Nun zeig mir deinen größten Acker!‘

Der Bauer denkt: ‚was will sie nur?‘

Er zeigt ihr nur den allerkleinsten

und bleibt in seinem Herzen stur

 

Die Hunde toben lange dort

mit  ihrer Herrin auf und ab

Ein jeder Fleck wird angerührt

Dann gehen sie den Weg hinab

 

Das Feld, es trägt zur Erntezeit

gar zehnfach dort  den Roggen

‚Oh hätt‘ er damals nur vertraut!‘

Er war zu sehr erschrocken

 

 

Nach einer mecklenburgischen Sage über die Fru Gaur, K. Bartsch: Sagen, Märchen und Gebräuche aus Mecklenburg 1–2. Band 1, Wien 1879/80, S. 23f.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Frau Frigg im märkischen Heideland

 

 

 

Die Seuche war ins Haus gekommen,

sie hatte Kind und Kuh genommen,

auch noch die Katze weggerafft

Den Bauer hatte das geschafft

 

Nun saß er arm und still am Feuer

Die Zwölften kamen ungeheuer

Der Wind, der fegte um das Haus

Die Tür sprang auf, oh welch ein Graus!

 

Doch draußen in der bitt‘ren Kälte

stand nur ein kleiner armer Welpe

Die Frau, sie holte ihn herein

Von nun an fiel ein heller Schein

 

ganz warm und freundlich in ihr Leben

Das Hündlein konnte sie erheben

Ein Jahr, da ging‘s den dreien gut

Dann kam die Zeit, wo alles ruht

 

Es klopfte drei Mal an die Tür 

Der Bauer hatte ein Gespür

Er öffnete der Himmelsfrau

Die sprach: ‚sei ohne Furcht, vertrau,

 

mein Hündlein fordere ich zwar

das ich verlor im letzten Jahr

Doch da ihr ward sehr gut zu ihm

und hattet Böses nie im Sinn

 

geb ich Euch meinen Segen drauf

mit Eurem Hof geh' es bergauf!'

Frau Frigg, sie rief den Hund zurück

Der sprang zu ihr und war verzückt

 

Das neue Jahr bracht' reiche Ernte

Das Unglück sich fortan entfernte

Viel Kälber, Ferkel, reichen Lohn,

 zuletzt sogar noch einen Sohn

 

 

 

 

 

Nach der gleichnamigen Sage  E, Franke, Sagen und Märchen der Frau Holle, Berlin 1923; S. Früh, Rauhnächte, 1998,S.75ff). Die Märkische Heide liegt in Brandenburg.

 

Die 'Zwölften' sind die 12 Rauhnächte vom 21.12 bis zum Neujahr, die heilige Zeit der Ruhe zwischen dem vollendeten Sonnenjahr zur Wintersonnenwende und dem noch nicht abeschlossenen Mondjahr (Monat Dezember)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Frau Holle und der treue Eckart

 

 

 

In Schwarza war’s, in alten Zeiten
Frau Holle kam mit großem Zug
der treue Eckart an der Spitze
Vielleicht war's nur ein großer Spuk
 
Zwei Jungen hatten Bier gekauft
und wichen angstvoll an die Seit‘
Die Weiber kannten keine Gnade,
ergriffen die Gelegenheit
 
und tranken aus die vollen Kannen
Sie zogen weiter frohgemut
Der Eckart sagte diesen Jungen:
Nun seid gewarnt, seid auf der Hut
 
und sagt kein Wort von der Geschichte,
so wird das Bier euch wiederbracht!
Sie gingen heim mit einem Schrecken
Und es geschah wie ausgemacht:
 
Die Krüglein wollten nie versiegen
Man trank und scherzte guten Muts
Die Jungen hielten Wort drei Tage,
dann packte sie der Übermut
 
und sie erzählten, was geschehen,
berichteten vom Geisterzug
Die Krüge füllten sich nie wieder
Die Götter hatten wohl genug

 

 

 

 

Der treue Eckart ist eine Gestalt der dt. Heldensage, der sprichwörtliche treue Warner. „Vor dem Heere her schritt ein Greis am weißen Stabe, der hieß die Leute aus dem Wege gehen, dass sie nicht Schaden litten, den nannte man den treuen Eckart, und brachte das Sprichwort von ihm auf: Du bist der treue Eckart, du warnest jedermann. Vom treuen Eckart ging der Glaube, dass, wenn das wilde oder wütende Heer nicht ziehe, so sitze er außen an der Höhle und warne jedermann.

 

Das Gebot, von göttlichen Dingen und Wundern  zu schweigen, kennen wir auch aus dem NT– und: dass es nicht eingehalten wird (Markus 1/44f). Ebenso das Wunder, dass eine göttliche Gabe sich immer wieder erneuert: „Das Mehl im Topf soll nicht verzehrt werden, und dem Ölkrug soll nichts mangeln bis auf den Tag, an dem der HERR regnen lassen wird auf Erden ... (1. Könige 17/1ff).

 

 

Nach einer Sage aus Thüringen, 'Deutsche Sagen', Jacob Grimm, Wilhelm Grimm, Kassel 1816/18, Nr. 7.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Sturm

 

 

 

 

Auf seiner Schulter ein Sack Mehl
Er gab sich selber den Befehl
Zu seinem späten Marsch nach Haus
Schon bald hob an ein Windesbraus

 

Der tobte, stürmte um ihn her
Er lief und kämpfte, doch ein Heer
Naturgewalten waren hier
Die drängten, schlugen, fällten schier

 

Den guten Mann, der hoch erregt
Doch plötzlich still stand, tief bewegt
Die Mütze zog und neigte sich
Er rief hinaus ganz feierlich:

 

‚Ich grüße Dich, liebe Frau Hull
Mit Deinem ganzen wild Gezull!‘ -
Ein Segen kam ihm leis zurück
Er fand nach Haus – und fand auch Glück

 

Das Mehl ging ihnen nie mehr aus
Ein Wohlstand kam ins arme Haus
So oft die Frau gebacken hat
Gab's immer Brot – für alle satt

 

 

 

Nach einer Haibacher Sage zur Holle (Frau Hull), die berichtete, dass nach dem Stillhalten und Grüßen des Mannes sein Mehlsack zuhause nimmermehr leer geworden sei, so oft seine Frau auch gebacken hat

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Bauer

 

 

 

Es war in den geweihten Nächten,
die Dunkelheit brach schnell herein
Er stapfte durch den Schnee nach Hause
Im Wald war er nun ganz allein

Das Dämmerlicht, die starken Winde,
sie schlugen alles in den Bann
Da stob ein Wagen mit zwei Schimmeln
und einer weißen Frau heran

 

Sie sponn den silber glänzend Faden,
die Spindel tanzte auf der Erd'
Doch plötzlich stoppten beide Rosse
Dem Mann ward Angst vor dem Gefährt


Die Spinnerin sah zu ihm nieder
und sprach zu ihm mit klarer Stimm
'Dein Beil ergreif, verkeil den Wagen,
doch habe eines auch im Sinn:

 

Aus bestem Holz brauch ich den Nagel
Es hängen Erd und Himmel dran
Am kleinsten Werk kann man erfahren
der Weltenordnung großer Plan!'

Der Mann, er nahm es sich zu Herzen
Er schlug ein Bäumchen hart von Holz
und nutzte alle seine Künste
Am Ende war er sogar stolz

Die Arbeit war ihm gut gelungen
Das Rad war wieder fest verkeilt
Er richtete Geschirr und Deichsel
Doch bevor sie ihm enteilt,


da hoffte er noch zu bekommen
ein kleines Geld für Müh und Fleiß -
'Die Späne dort auf diesem Boden,
das sei Dein heut'ger Lohn und Preis!'


Die Pferde an den gold'nen Ketten,
sie rissen vorwärts, brausten los
Zurück blieb nur ein schwer Enttäuschter
Der arme Mann war fassungslos

 

Er nahm sein Beil, hob auf die Späne
und ging nach Haus mit müdem Schritt
Doch als ihn unterwegs was drückte,
erblickte er im Mondenlicht

ein gleißend Häuflein, schwer zu tragen
All seine Späne waren Gold
Da wusste er, es war die Holle,
der er heut diente, die ihm hold

Er eilte schnell zu Frau und Kindern
In ihren Schoß gab er den Schatz,
erzählte ihnen, was geschehen
- da war in ihrer Hütte Platz

 

 

 

 

Nach Sigrid Früh, Rauhnächte – Märchen, Brauchtum, Aberglaube, Waiblingen 1998. S.81ff.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Frau Holle am Hörselberg

 

 

 

 

Es wohnte eine arme Frau
Und ihre beiden Töchter
Alleine an dem Hörselberg
Dort windete es öfter

 

Es klopfte abends an die Tür
Die Jüngste machte auf
Ein Mütterchen, zerzaust, gebückt
Die schaute zu ihr auf

 

'Um Obdach bitt' ich Euch, mein Kind!'
So ließen sie sie ein
Sie gaben ihr den Ofenplatz
Und Grütze obendrein

 

Sie sah die Spindeln, nickte kurz
'So manches gute Jahr
Sei Euch gewährt bei diesem Werk
Mit gar manchem Haar'

 

Sie gaben ihr noch Apfelwein
Von ihrem einz’gen Baum
Sie sprach den Segen und trank aus
Da wurd‘ es hell im Raum

 

Sie wiesen ihr das Kammerbett
Die Nacht ging still vorbei
Am Morgen schauten sie herein
Das Bett war leer und rein

 

Es duftete nach Rosen hier
'Das musste s i e doch sein
Die Holle war in uns’rem Haus
Und kam zu uns herein!'

 

Der Winter ging mit Spinnen
Der Frühling kam herbei
Vier Apfelbäume wuchsen da
Es war wie Zauberei

 

Gediehen gut in ihrem Garten
Die sie doch nie gepflanzt
Das war wohl die Frau Holle
Wie haben sie getanzt!

 

Und kelterten den besten
Süß Apfelwein am Ort
Und so viel Leute kamen her
Und wollten nicht mehr fort!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Holunder

 

 

 

Vor dem Busch zieh' man den Hut
einer Göttin einst geweiht,
die den vielen Wesen hold
sorgt, dass alles gut gedeiht

 

Der Holunder lindert Schmerz
heilt bei Grippe und Ödemen
Marmelade macht man, Saft
Auch der Wein ist zu erwähnen

 

Haus und Hof sind wohlbeschützt
Ehren darf man ihn und hegen
Uns, die wir so fleißig spinnen
gibt die Hollermutter Segen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

FREYA

 

 

 

 

 

FREYA,  die Vanengöttin, ist die Hüterin der Liebe und Fruchtbarkeit. Während FRIGG für Häuslichkeit und Ordnung steht, repräsentiert FREYA die freie Liebe, den Frühling,  die Fruchtbarkeit und den Zauber. Sie ist die Tochter des Meeresgottes NJÖRD und der Riesin SKADI. Sie ist ebenfalls sehr mit dem Wasserelement verbunden, aber auch mit dem Feuer. Sie führt die kämpferischen Frauen der Walküren an und ist ähnlich wie die sumerische INANNA zugleich Liebes- und Kriegsgöttin. Sie besitzt den von vier Zwergen geschmiedeten Brisingame, den strahlenden Halsschmuck, der Schönheit und Ausstrahlung ihrer liebreizenden Erscheinung symbolisiert. Der Brisingame soll auch die Regenbogenbrücke - also die Verbindung zwischen den Göttern und Menschen ermöglichen.

Um in Besitz dieses kostbaren Halsschmucks zu gelangen, musste Freya mit jedem der vier Zwerge eine Nacht verbringen.Das brachte ihren Mann Odir so sehr in Rage, dass er Freya bestrafte: sie musste unter den Menschen einen Krieg anzetteln und LOKI beauftragte, Freya den Halsschmuck zu stehlen.

HEIMDALL aber jagte den Brisingame dem Loki wieder ab und gab ihn der Liebesgöttin zurück.

Freya ist ebenso im Besitz eines Falkengewandes, so dass sie blitzschnell in den Welten unterwegs sein konnte. Auf der Erde hat sie einen Wagen, den wir bei Frau Holle auch wieder antreffen. Er war von wilden Katzen gezogen. Sie sind die Begleit- und Krafttiere der Freya.

 

Berühmt sind auch die magischen Fähigkeiten der Freya. Sie lehrte Odin und die Asen die Zauberkunst, dein Seidr´.Dafür steht ihr die Hälfte der gefallenen Helden zu.

 

Als die schönste und begehrteste aller Göttinnen einen Mann wählen soll, sträubt sie sich. ODR hatte um sie geworben, wohl eine andere Form des großen Vatergottes Odin. Sie sträubt sich. Er wirbt drei Mal um sie, ehe sie in die Ehe einwilligt. Sie bekommt zwei Töchter von ihm. Eines Tages zieht es Odr in die weite Welt um Weisheit zu erlangen. Freya mag ohne ihren Odr nicht leben, sie sucht ihn überall und weint goldene Tränen, die zu Bernstein werden.

 

 

 

 

 

 

FREYA

 

 

 

Die hohe Frau, die Würde hat

Die lebt aus ihrer inn‘ren Macht

Der Frühling kommt mit neuen Kräften

Die sich so schnell nun nicht erschöpfen

 

Die schöne Frau, die glüht und liebt

Sich selbst in alles ganz reingibt

Das Leben darf man heute feiern

Es lieben und es auch erneuern

 

Die mächt’ge Frau, die Lieder weiß,

Die Wunder wirken in dem Kreis

Da unter’m Kessel brennt das Feuer

So manchem ist das nicht geheuer

 

Die starke Frau, die kämpfen kann

Sich furchtlos einsetzt dann und wann

Sie dient dem Leben selbstbestimmt

Wenn sie sich selbst nicht übernimmt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

DER SEIDR

 

 

‚Über den dänischen König König Frodi wird in der Hrolfs Saga und in Saxos Gesta Danorum berichtet, dass er eine Seidhkona (Magierin) beauftragt habe, um seine Neffen aufzuspüren und zu töten, die ihrerseits zuvor eine Seidhkona beauftragt hatten, den rechtmässigen König zu töten und sich seitdem verstecken mussten. Die Seidhkona ist natürlich in der Lage, die Neffen aufzupüren, verrät aber deren Aufenthaltsort nicht, weil sie zuvor bestochen wurde und redet sich mit einer feindlichen magischen Attacke heraus, die sie gehindert habe, die Neffen aufzuspüren‘.

Das ist so ziemlich die Grundstimmung in den uns zugänglichen Quellen zur magischen Praxis des Seidr. Er wurde für Divination/Zukunftsschau und Schadzauber praktiziert. Die dazu nötigen Geister und ihre Kräfte wurden mittels Gesänge herbeigerufen, und dann befragt oder beauftragt. Man sollte das heute aufgrund der großen Vorbelastung m.E. nicht mehr ausüben, sondern andere Techniken der Trance und der Kontakte mit der Geistwelt suchen, die nicht so belastet sind wie der Seidr. Er muss nicht notwendigerweise negativ sein, er diente auch der Vorausschau von Ernten oder persönlichen Schicksalen. Aber selbst hier sind die Berichte nicht ermutigend:

‚In der Vatnsdoela Saga lädt der Bauer Ingialdr eine Seidhkona auf die norwegische Insel Hefniey ein, um bei einem Fest die Zukunft der Teilnehmer vorauszusagen. Die öffentliche Voraussage bei einem Fest scheint ein gängiger Bestandteil des „weissen Seidhr“ gewesen zu sein, im Gegensatz zum eher heimlichen „schwarzen Seidhr“. Als der Sohn Ingialdrs dieses ablehnt, da er die Zukunft nicht vorher wissen, sondern erleben möchte, überrumpelt ihn die Seidhkona und sagt die Zukunft auf Island gegen seinen Wunsch voraus. Interessanterweise gerät der Sohn hierdurch in den Bann der Seidleute und sucht diese später immer wieder auf. Auch in der Örvar-Odds Saga und Tattr af Norna-Gesti wird ausdrücklich von Personen berichtet, die die Vorhersage ablehnen, weil sie einen unerwünschten Eingriff in ihr Wyrd (Schicksalsgeflecht) fürchten‘

Vielleicht war es deshalb für das Christentum auch so leicht, die Magie insgesamt zu verteufeln, aus den geachteten weisen Frauen gefürchtete Hexen zu machen und das ganze Heidentum für dämonisch zu erachten. Es wurden drakonische Strafen angesetzt. Seidr ahndete man unter Erik II. in Norwegen (13. Jh.) so:

Man soll sie, die Seidr praktizieren, auf die See bringen und sie versenken.

 

 

 

 

 

 

Bild: Die Völva Heiði auf einer Briefmarke der Färoer-Inseln

 

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