Jürgen Wagner
Jürgen Wagner

MAGIE

 

 

 

 

 

 

 

DIE RUNEN

 

 

 

 

 

Wir schreiben seit der Christianisierung Europas alle mit lateinischen Buchstaben und wissen meist nur noch dunkel, dass wir auch mal eine eigene Schrift hatten: die RUNEN. Das waren 24 Buchstaben, die man zunächst allerdings nicht im Alltag verwendete. Jeder Buchstabe war nämlich ein Zeichen, dessen Bedeutung man geheim hielt, so dass nur wenige es kannten. 'Rune', verwandt mit dem Wort 'raunen', bedeutet auch 'Geheimnis'. Sie bergen ein 'göttliches', magisches Geheimnis und gehören zu den größten Mysterien unserer Vorfahren. Die Nornen nutzten sie und Odin schaute und lernte sie nach einem großen Selbstopfer am Weltenbaum. Sie sind auch heute noch lernbar und anwendbar, aber es braucht eine Hingabe und ein Sich-verbinden mit dem Wesen eines jeden Zeichens. Dann kann man sie zur Divination oder Selbsterkenntnis nutzen - oder, wenn man keinen Missbrauch treibt, sie auch mit einem Lied oder Wort schreiben/ritzen und in die Welt schicken. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

DIE RUNEN

 

 

 

 

Losorakel, die andeuten

Huldgesänge, die einläuten

Wesenskräfte, die genützt

Lebenszeichen, die geritzt

 

In die Steine, Amulette,

In die Pfosten, an die Ställe

Auf die Speere, Spangen, Stäbe

Knochen, Hölzer und Gewebe

 

Liebe, Reichtum möcht' man haben

Wohlstand, Nahrung, hohe Gaben

Kriegsglück, Frauen und Gewinn

Selten Weisheit, tief‘rer Sinn

 

Wissend kann man sie verwenden

Reines Herzens sie aussenden

Nur zum Segen sie einsetzen

So kann man sie wieder schätzen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit der Übernahme des christlichen Glaubens und der lateinischen Schrift verschwanden die Runen nach und nach. Erst in unserer Zeit wurde man wieder darauf aufmerksam - und die Spuren- und Deutungsversuche begannen. Man erschloss die Wort- und Sinnbedeutungen und meditierte den alten Futhark mit seinen 24 Zeichen. Man teilte ihn in 3 Reihen von jeweils 8 Runen und versuchte sie als inneren Weg zu lesen. Ebenso kann man ihn zu divinatorischen und magischen Zwecken einsetzen.

 

 

 

 

 

 

DER SEIDR

 

 

ist eine skandinavische, magische Praxis, die besonders den Frauen lag. Sie begaben sich mittels Gesang in Trance und konnten dadurch Geistreisen unternehmen, etwas für das Wetter und die Fruchtbarkeit tun oder das Kommende schauen. Sie galt als die mächtigste Magie, aber auch als die gefährlichste. Auch Männer konnten sie ausüben, wenn sie über eine starke Anima verfügten. Die 'süssen Gesänge', die die Geister beeinflussten und becircten, standen aber den Männern wohl nicht gut an. Wichtiger war wohl noch, dass diese häufig als Schadzauber praktizierte Magie eben gegen die Ehre verstieß, eines aufrechten Mannes nicht würdig war. Magische Törungen und das Irremachen und Verfolgen von Opfern war auch in den skandinavischen Gesellschaften der Eisenzeit ein schweres Verbrechen, das zudem der offiziellen Ethik des offenen Kampfes und des Friedens und der Ehre und des Heils widersprach.

 

Als 'schwarzer Seidr' wurde er benützt, um anderen zu schaden und sie zu manipulieren. Der 'weiße Seidr' diente der Zukunftsschau und der Beeinflussung von Wetter und Ernten. Es war eine anrüchige und gefährliche Praxis, die von einzelnen Personen ausgeübt wurden, die sich anheuern und für ihre Dienste bezahlen ließen. Schon in heidnischer Zeit wurde sie kritisch gesehen und die Seidrleute lebten im Status des Neidings, der Ehrlosigkeit. 

 

Man leitete diese Form der Magie auf Freya zurück. So kann man davon ausgehen, dass es gerade die Liebe war, die diese Magie so machtvoll machte. Liebe und Sexualität sind die stärksten Kräfte, die das Leben geschaffen hat, um sich zu erhalten und fortzupflanzen. Werden sie zu anderen Zwecken genutzt und eingesetzt, muss man prüfen, ob das noch zu rechtfertigen ist und dem Leben wirklich dient.

 

Es wird erzählt, die Liebesgöttin Freya habe von Odin die Kunst Galdr (Runengesang und Poesie) gelernt und im Gegenzug Odin die Kunst des Seidr gelehrt. Dadurch beherrschte er „die Kunst, die am mächtigsten ist, und Magie („seiðr“) genannt wird, und dadurch kannte er das Schicksal der Menschen und die Gefahren der Zukunft und ebenso, wie man einem Menschen den Tod oder Unglück oder eine Krankheit bringt und wie man die Menschen um Kraft und Verstand bringt und sie jemand anderem gibt. Aber mit dieser Weisheit war so große Schande verbunden, dass die Männer meinten, sie könnten sie nicht ohne Schande ausüben und darum brachte man sie den Priesterinnen bei."

 

 

Um einen Eindruck von dieser weiblich-mächtigsten Kunst unserer Vorfahren zu gewinnen, ist ein Blick auf die weissagenden Frauen hilfreich.

Die Völva (die Frau mit dem Stab) wanderte von Hof zu Hof und wurde eingeladen. Sie wurde mit höchsten Ehrerbietungen empfangen, sorgfältig wurde für ihr Wohlergehen und ihre Bequemlichkeit gesorgt. Manchmal übernachtete sie zuerst und achtete auf ihre Träume. Am darauffolgenden Tag eröffnete sie die ‚Séance‘, saß oder stand erhöht und bestimmte die Frauen, die sich im Kreis um sie stellten. Diese sangen ein altes Zauberlied, mit dem sie in Tranche gehen konnte und in Verbindung mit der Geistwelt. Am Ende geht jeder von seinem Platz zu ihr hin und fragt sie nach seinen besonderen Angelegenheiten. Zuletzt wird sie beim Aufbruch noch beschenkt.

Geschildert wird uns solch ein Ritual in der Sage von Erik dem Roten.

‚In Grönland herrschte zu Anfang des elften Jahrhunderts eine große Hungersnot. Der reichste Bauer, Thorkel, beschloss, die Völva Thorbjörg zu Rate zu ziehen. „Sie war gekleidet in einen blauen Mantel, und dieser war bis zum Saum mit kostbaren Steinen besetzt. Um den Hals trug sie Glasperlen, auf dem Kopf eine Mütze aus schwarzem Lammfell, die innen mit weißem Katzenfell ausgefüttert war. In der Hand hielt sie einen messingbeschlagenen Stab, der oben einen Knopf hatte; auf dem Knopf saß ein Stein. Um die Taille trug sie einen Gürtel mit Zunderbüchse; am Gürtel hing ein Lederbeutel, in dem sie die Zaubermittel aufbewahrte, die sie zu ihrer Wahrsagerei benötigte. An den Füßen trug sie haarige Schuhe aus Kalbsfell mit langen Riemen, die am Ende große Zinnknöpfe hatten. An den Händen trug sie Handschuhe aus Katzenfell, die innen weiß und haarig waren.“ Sie bekam zu essen von den Herzen aller Tiere, die da waren; beim Essen benutzte sie einen Messinglöffel und ein Messer, von dem die Spitze abgebrochen war. Am nächsten Tag ließ sie Frauen suchen, die das Zauberlied kannten, mittels dessen sie ihre Wahrsagerei treiben konnte. Dieses Lied hieß varðlokkur (wörtlich: Schutzlockung, ein Lied, um Geister heraufzubeschwören).

Nur eine einzige junge Frau kannte dieses Lied; sie hatte es von ihrer Pflegemutter auf Island gelernt. Da sie Christin war, weigerte sie sich zunächst, an der Wahrsagerei teilzunehmen; Thorkel aber wusste sie dennoch zu überreden. Die Frauen bildeten nun einen Kreis um die Bühne auf dem die Völva saß. Die junge Frau sang das Zauberlied sehr gut, und nach der ‚Séance‘ dankte die Völva ihr und sagte, es seien viele Geister gekommen, und diese hätten großen Gefallen gefunden an dem Lied, da es so gut gesungen worden sei. „Auch Geister, die sich früher von mir abgekehrt hatten und mir nicht mehr gehorchen wollten. Und mir sind jetzt viele Dinge klar, die mir und vielen anderen zuvor verborgen waren.“ Sie prophezeite dann das Ende der Hungersnot auf den kommenden Frühling und weissagte ferner, die junge Frau, die für sie gesungen hatte, werde auf Island die Stammmutter eines angesehenen Geschlechtes werden. Sie beantwortete auch alle Fragen, welche die Leute ihr stellten; fast alles, was sie vorhersagte, traf ein.‘

 

Ob die eindrucksvolle Seherin bei den Anwesenden nur ‚gut Wetter‘ machen wollte oder ob sie in der Trance tatsächlich Dinge gesehen und schicksalsmäßig geknüpft hat, bleibt natürlich dahingestellt. Jedenfalls erinnert es, ebenso wie die Mythen um Odin, sehr an schamanische Praxis, weshalb ich a u c h dazu neige, aufgrund der vielen Bezüge bis hin zum Weltenbaum die schamanischen Wurzeln unserer vorchristlichen Spiritualität sehr zu betonen.

 

 

 

 

 

 

Odin kommt zur Seherin

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Jürgen Wagner