Jürgen Wagner
Jürgen Wagner

NORDISCHE MYTHOLOGIE

 

 

 

 

 

 

 

Ich suche sie nicht, die sieben Tage der Schöpfung

Erfrage sie nicht, die neun Welten am Baum

Ich lass die drei Nornen,  des Schicksals Eröffnung

Wir selbst sind es doch in des Geistes Raum


 

Die Mythen sind Bilder für unsere Seele

Geschichten Nahrung für unseren Geist

Die Riten sind Hilfen, auf die man zähle

Es ist genug, dass man nimmt - und weiß

 

 

 

 

 

Als der fränkische König Chlodwig, der bereits viele fränkische und germanische Stämme unterworfen hatte, sich um 500 n. Chr. taufen ließ, war das Schicksal der alten germanischen Götter und Mythen schon fast besiegelt. Der neue Mythos aus dem Orient, der die himmlische Welt auf einen einzigen König reduzierte und mit Sohn und Geist eine neue dynamische Dreiheit hatte, war in seiner Einfachheit und Konzentration einfach stärker und überzeugender als die komplexe alte Götterwelt mit ihren vielen Konflikten und Streitigkeiten, die sich im irdischen Leben spiegelten. 

 

So trat die (erst mal nur männliche) göttliche Dreifaltigkeit das Erbe des Polytheismus an, Engel und Heilige übernahmen die Lebensbereiche der alten Götter, so dass der Übergang leichter wurde. In den Herzen der Menschen aber herrschte bald die Regina coeli, die Gottesmutter Maria, die das Erbe der alten Göttinnen antrat.

 

Doch diese neue Religion hatte eine große Schattenseite: ihr gewalttätiger Absolutheitsanspruch. Dieser orientalische Schöpfergott duldete niemand anderen mehr neben sich. Die alten Götter mussten ausnahmslos weichen mit all ihren Symbolen und Riten, Priestern und Stätten. Das war der Preis des Monotheismus. So war es zuvor im Judentum gewesen und wiederholfte sich später im Islam.

 

Man hielt sich an die alttestamentlichen Vorgaben für die Israeliten für den Umgang mit anderen Kulten:

 

"Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben" (2. Mose 20/1f).

 

So wurde im Lauf der Jahrhunderte konsequent alles getötet und ausgelöscht, was die alten Kulte ausmachte. Sie wurden verunglimpft, herabgesetzt, entwürdigt, dämonisiert, verboten, vernichtet. Was man nicht auslöschen konnte, wurde überformt oder überbaut. 

 

Aus dem Frühlingsfest wurde das Fest der Auferstehung Jesu. In den geweihten Nächten brachte nicht mehr Holle/Percht die Gaben und die moralische Ermahnung, sondern Nikolaus, Knecht Ruprecht und das Christkind. Aus den Nornen am Weltenbrunnen wurden Feen, die manchmal an der Wiege eines Kindes sein Schicksal bestimmten. Petrus übernahm von Thor das himmlische Wetteramt, Maria wurde die Göttin und Himmelskönigin, die den Menschen nahe war und an die sie sich (ohne Furcht) wenden konnten. Sie wurde die Mittlerein (Fürsprecherin) zu dem unsichtbaren, jenseitigen Allmächtigen. Die Frau mit Herz und Gefühl übernahm die Rolle, die in der Dogmatik eigentlich Jesus inne hatte. Die alten Kultstätten wurden, wie z.B. in Chartres, mit einer Kirche überbaut, die alte Heilquelle wurde zugemauert.

 

Auf der Insel IRLAND vollzog sich ein r e l a t i v friedlicher Wandel vom Heidentum zum Christentum, von einem alten zu einem neuen Mythos. Der keltische Sprachraum von Nordfrankreich bis Schottland bewahrte deutlich mehr von der alten Kultur als die fränkisch-germanischen Reiche. Nur noch in ISLAND, das aufgrund des massiven Drucks des getauften norwegischen Königs Olav Trygvasson um 1000 im Althing die Übernahme des Christentums beschloss, verlief der Wandel unblutig, da der Schiedsspruch beinhaltete, dass man auch den alten Göttern in Stille dienen dürfe. So ist auch die altisländische Literatur eine der wenigen verbliebenen Quellen für vorchristliche Spiritualität in (Nord-) Europa.

 

 

Der Untergang eines Mythos war und ist der Untergang einer Welt. Solch große Umwälzungen können erst im Nachhinein beurteilt und eingeschätzt werden. Die Brutalität, mit der dieser Umbruch in Europa stattgefunden hat, macht es nötig, das Alte noch einmal anzusehen nach dem christlichen Grundsatz: 'prüfet alles - und das Gute behaltet!' (1. Thess 5/21). Das wollen wir hier wenigstens ansatzweise versuchen und die alten Bilder und Motive noch einmal sichten. Da wir an Quellen fast nur skandinavische Texte haben, müssen wir uns an ihnen orientieren. Arhchäologische Zeugnisse auf dem Kontinent zeigen, dass die Götter wohl dieselben waren, aber vermutlich eigene Akzente bekamen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

DER WELTENBAUM

 

 

 

Die Alten hatten einst gefunden
Mit allem sind wir stets verbunden

 

An seinem Ast bin ich ein Blättchen
An seinem Fuße eins der Mädchen

 

Ein Wasserbrunnen in den Tiefen
Vier Hirsche, die zu ihm hin liefen

 

Der Riese mit Naturgewalt
Ein list'ger Zwerg in Kleingestalt

 

Ein Vogel hoch im Himmelreich
Ein Gott, den keiner mehr erreicht

 

Die Schlange auch am Wurzelwerk
Und Fäulnis, die man fast nicht merkt

 

In seiner Zeit bin ich ein Stündchen
Von seiner Kraft ein kleines Fünkchen

 

 

 

 

 

 

 

 

Götter und Menschen

 

 

 

 

Mit uns Menschen sind sie geworden

Mit uns'ren Nöten und uns'ren Sorgen

Mit uns’ren Wünschen und uns'ren Plänen

Mit uns’ren Ängsten - und uns'rem Wähnen

 

Mit  uns werden auch sie wieder gehen

Mit uns  nach all den vielen Wehen

Mit uns geboren und mit uns gestorben

Mit uns erblüht - und mit uns verdorben

 

Frei sind wir dann, wenn wir selber es sind

Erleuchteter Geist und der Erde Kind

Wir dürfen es werden, wir mögen es sein:

Ein gekelterter, mundiger, reifer Wein

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Mühlenlied (Gróttasöngr)

 

 

 

 

 

 

In Gotland war’s, zu alten Zeiten

Der König Frodi herrschte dort

Er kaufte sich zwei starke Frauen

Und Mühle Grotti – die sofort!

 

Menja und Fenja mussten mahlen

Fast ohne Ruh von früh bis spät

Nur während eines Liedes Dauer

Da hat das Rad sich nicht gedreht

 

Reichtum, Glanz und Macht und Freude

Das mahlten sie den ganzen Tag

Der König war ein großer Herrscher -

Die Arbeit eine große Plag

 

Er konnte nicht mehr innehalten

Er wollte mehr und immer mehr

Noch schneller sollte es sich drehen:

Das Mühlrad knirschte bereits sehr

 

Und sie, die vom Geschlecht der Riesen

- Zu kämpfen waren sie gewohnt -

Des nachts begannen sie zu singen

Und mahlten, mahlten, dass sich’s lohnt

 

Den ganzen Kummer ihrer Seele

Der floss in ihre Arbeit ein

Die Mühle hörte es und mahlte

Die ganzen Herzenswünsche rein:

 

Das Unrecht, das sie hier erlitten

Die Habgier, die kein Ende nahm

Sie brauchten nur zu sprechen, bitten

Die Gerechtigkeit, die kam!

 

Ein Feindesheer, das ist gekommen

Und hat den König umgebracht

Die Mühle haben sie genommen

Und reiche Beute noch gemacht

 

Auf hoher See befahl der Herrscher

Er wolle Salz, das ohne End -

Da schließlich ist sein Schiff gesunken

Die Mühle, die kein Mensch mehr kennt

 

Die mahlte unverdrossen weiter

Dort unten, auf dem Meeresgrund

Bis heute ist sie so am Werke

Und salzt die See – und unsern Mund

 

 

 

 

Das magische Grundmotiv der altnordischen Sage Grottasöngr (Grottis Lied) hat sich in einigen Volksmärchen erhalten (Die Mühle, die auf dem Meeresgrund mahlt; Der süße Brei). Dass aber ein ganzes Reich zugrunde gehen kann an der Habgier eines einzigen Herrschers, ist eine Aussage, die sich nur im Original findet. Es spielt im Dänemark zur Zeit des römischen Kaisers Augustus. Auch Frodi galt als ein König, der ein Reich des Friedens und Wohlstandes regierte. Bis ein Seekönig dem ein Ende machte ... .

 

 

 

 

 

 

 

 

 

HEIDENTUM

 

 

 

 

NATIONALISTEN

 

Das Blut noch einmal zu beschwören

Das einen Stamm, ein Volk vereint

Das heißt, die heut‘ge Welt zerstören

Die Menschen sieht – und nicht den Feind

 

RELIGIOSITÄT

 

Die Götter noch einmal zu rufen

Die Geister längst vergang’ner Zeit

Erfordert all die vielen Stufen

Wohin wir Menschen - schon enteilt

 

ODIN

 

Er geht noch mit uns, der Schamane

Der wandert und nach Weisheit strebt

Am Lebensbaume fällt als Same

Der ein Geheimnis tief versteht

 

FRIGGA

 

Sie ist noch mit uns, jene Göttin

Die huldreich Mitgefühl uns zeigt

Sie bleibt die weise, stille Seh’rin

Die sich zu allen Wesen neigt

 

THOR

 

Der Donner spricht zu uns, der Regen

Wir spüren, wo der Hammer hängt

Wir dürfen diese Erde hegen

Weh dem, der sich nicht auch beschränkt!

 

FREYA

 

Die Liebe ruft noch, diese freie

Die kämpft und die sich selbst bestimmt

Auf dass das Leben reich gedeihe

Und Edles auch für sich gewinnt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

DIE GERMANISCHEN STÄMME

 

 

 

 

Sie lebten permanent im Krieg

Und nichts war schöner als ein Sieg

Mit Beute, Reichtum, Frauen, Ehre

Oh dass mich einer kämpfen lehre!

 

Ein jeder Stamm, der focht für sich

Das Blut entschied, die Ratio wich

Und für den allerschlimmsten Fall

Kam man als Krieger nach Walhall

 

Das kann des Lebens Sinn nicht sein

Und heute seh'n wir das auch ein

Doch noch als Christ hat man gekämpft

Den heißen Mut noch nicht gedämpft

 

Der WODAN, der muss Weisheit finden

Und WIR uns noch mal neu verbinden

Damit wir achten, fühlen, hören

Uns nicht nur streiten und empören

 

Der Frieden ist nicht leicht zu haben

Nur wenn wir nutzen uns’re Gaben

Zu dem, was allen Wesen dient

Erfahr’n wir, was dem Menschen ziemt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

WIE DIE LANGOBARDEN (DIE LANGBÄRTIGEN) ZU IHREM NAMEN KAMEN

 

 

 

 

 

Sie wollten die Winniler schlagen

So planten es einst die Vandalen

Für Beute und für eine Steuer

Die käme dann so richtig teuer

 

Doch WODAN sprach zu den Vandalen:

‚Um einen Sieg davonzutragen

Müsst‘ ich euch früh als erstes sehen

Bei Sonnenaufgang euch erspähen!‘

 

Dann hielten Rat auch die Winniler

Denn auch dort gab’s tapf‘re Krieger

Man wollte sich nicht still ergeben

Und zahlen für das ganze Leben

 

Man wollte lieber mutig kämpfen

Und sich bewahr’n als freie Menschen

So rief man an des WODANS Frau

Auch FRIGGA hatte eine Schau:

 

‚Bevor der Tag noch hat begonnen

Soll‘n Frauen mit den Männern kommen

Die Haare ins Gesicht sich hängen

Als hätten Bärte sie mit Längen!‘

 

Am nächsten Morgen in der Früh

Der WODAN schlief, so weckte SIE

Ihn auf, ließ ihn herunter blicken

Die Überraschung musste glücken!

 

„Wer sind die mit den langen Bärten?“

„Oh mein Gemahl, d i e müssen’s werden

Die Du gerade hast benannt

Die führ nun auch mit deiner Hand!

 

Und WODAN gab die Kraft, die Wut

Den langen Atem und den Mut

Sie schafften jenen Sieg, den harten

Und nannten sich nun „Langobarden“

 

 

 

Die Langobarden hießen früher die Winniler. Die Sage erzählt von der Namensänderung. Die Langobarden von der Unterelbe, die in ihren besten Zeiten kaum mehr als 100.000 Köpfe zählten, gründeten in Oberitalien eine große Kulturlandschaft, die nach ihnen bis heute die Lombardei heißt. Doch standen sie in Sachen Brutalität den sprichwörtlich hausenden Vandalen in nichts nach.

 

 

 

 

 

 

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