Jürgen Wagner
Jürgen Wagner

 

 

 

Mythische Bäume

Heilige Bäume

 

 

 

 

Die Mythen der Völker bewahrten diese Ahnung, vielleicht auch ein Wissen um die grundlegende Bedeutung der Bäume für uns Menschen, aber auch für alles Leben: in den Erzählungen vom Lebensbaum, vom Weltenbaum, von der Weltachse (Irminsul). Auch das Wesen des Menschen als 'animal rationale' wurde mit einem Baum verbunden, dem verführerischen Baum der Erkenntnis. In der germansischen Tradition entstanden Mann und Frau aus Bäumen, aus Esche und Erle.

 

In der Verehrung bestimmter Bäume als 'heilig' würdigte und schützte man ihre Größe und Bedeutung, die in ihrem Alter und ihrer Ausstrahlung liegen konnte oder in ihrer hohen Bedeutung für die Menschen oder auch in ihrer Wesensart. Auch ganze Baumarten wurden durch ihre Eigenart zu so wichtigen Begleitern des Menschen, dass sie sie für sakrosankt erklärten. Wer etwa einen Holunder fällte oder einen Hainbaum, beging ein todeswürdiges Verbrechen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Baum des Lebens

 

 

 

 

Zu schwer, zu gewöhnlich,
Zu hart und zu fad
Das Leben hat selten
Das Rechte parat

Die Mitte des Gartens
Die Höhe der Zeit
Der Gipfel der Freuden
Das ruhmreiche Kleid

Das ewige Leben
Das währende Glück
Die kraftvolle Liebe
Die hohe Musik

Die goldenen Äpfel
Begehrt alle Welt
Doch sind sie tabu
Sogar für den Held

Sie fallen Dir zu
Wenn Du nicht begehrst
Und reifen in Ruh
Wenn Du ihn nicht störst

 

 

 

 

Anm.: Der Baum des Lebens hat eine breite Tradition in den Mythen, in der Mystik (Kabbala) und in den Märchen. In der Schöpfungsgeschichte steht er in der Mitte des Gartens und seine Früchte verleihen ewiges Leben, was den Menschen aufgrund ihrer Verführbarkeit durch den Engel verwehrt wird.

 

Die Hesperiden hüteten in einem wunderschönen Garten einen Wunderbaum mit goldenen Äpfeln, den Gaia der Hera zu ihrer Hochzeit mit Zeus wachsen ließ. Die Äpfel verliehen den Göttern ewige Jugend. Der Baum wurde durch den hundertköpfigen Drachen Ladon  bewacht. Nur Herkales war in der Lage, die Äpfel zu rauben. Durch eine List bewog er Atlas, den Vater der Hesperiden, für ihn die Äpfel zu pflücken, da er sie für die Erfüllung seiner 12 Arbeiten   benötige. Eurysthenes jedoch, dem Herakles die Äpfel übergab, gab sie weiter an Athene, die sie wieder zurück an ihren Platz legte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Weltenbaum

 

 

 

 

 

 

Die Alten hatten einst gefunden
Mit allem sind wir stets verbunden

 

An seinem Ast bin ich ein Blättchen
An seinem Fuße eins der Mädchen

 

Ein Wasserbrunnen in den Tiefen
Vier Hirsche, die zu ihm hin liefen

 

Der Riese mit Naturgewalt
Ein list'ger Zwerg in Kleingestalt

 

Ein Vogel hoch im Himmelreich
Ein Gott, den keiner mehr erreicht

 

Die Schlange auch am Wurzelwerk
Und Fäulnis, die man fast nicht merkt

 

In seiner Zeit bin ich ein Stündchen
Von seiner Kraft ein kleines Fünkchen

 

In seiner Krone eins der Blättchen
Von seinen Wurzeln eins der Fädchen

 

 

 

 

 

 

Anm.: Der Mythos der Yggdrasil in der isländischen Edda begreift die Welt in dem Bild eines Baumes. Alle Lebewesen sind bei ihm angesiedelt: der Vogel in der Krone, die Menschen, die Tiere, die Riesen, die Zwerge, die Götter. Er ist der erste Baum, der wächst. Alles Leben hängt an ihm und hängt von ihm ab. Manchmal wird er als Esche vorgestellt.  Er hat unglaubliche, fast ‚immergrüne’ Kraft. Aber: er ist auch bedroht von den Hirschen, die seine Triebe und Knospen fressen, Schlangen, die an seinen Wurzeln nagen und Fäulnis am Stamm. Wenn er welkt, naht das Ende.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Nornen

 

 

 

Die Nornen gießen jeden Tag
den Weltenbaum, dass er gedeiht
So gib auch Du ganz ohne Frag’
Ihm täglich etwas, das ihn weiht

 

Schöpf selbst aus diesem tiefen Brunnen
der stillen Seele und der Welt
Vielleicht ist morgen was gelungen,
entsteht etwas, was wirklich zählt

 

So wird ER wachsen, sich entfalten
und Du mit ihm, auf Deinem Weg
Das Schicksal, das wird mächtig walten
Du hast es heimlich mitgeprägt

 

 

 

 

 

Die Nornen sind nach der altisländischen ‚Edda’ drei Frauen, die für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft stehen. Sie symbolisieren die Schicksalsmächte. Sie begießen aus Mimirs Brunnen den Weltenbaum, der für die Welt insgesamt steht - und befördern so den Lauf des Lebens. Selbst der Göttervater Odin musste jeden Morgen zum Rapport bei ihnen antreten. Sie repräsentieren wie all die Symbole einen Aspekt des Lebens und unserer selbst.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Yggdrasil

 

 

 

Wir hörten von dem alten Traum

Die Welt, sie wäre wie ein Baum

Die drei Bereiche sind zu sehen

Im Erdreich, da ist's, wo wir stehen 

 

Die Unterwelt ist Mutter Erd'

Da sind die Kräfte stets am Werk!

Die Mittelwelt am hellen Tage

Sie bringt uns Glück samt mancher Plage

 

Die Himmelswelt ist lichtvoll prächtig

Die Geisteswelt, sie zieht uns mächtig

Dazwischen läuft die kesse Kunde

Des kleinen Boten, Eichhorns Munde

 

Am Fuß des Baums sind wir ein Zwerg

Die Schlange liegt am Wurzelwerk

Der alte Brunnen singt in Tiefen

Drei Frauen, die den Baum begießen

 

Das Schicksal wird noch lang nicht ruh‘n

Bis wir einst wissen, was wir tun

So lange wir die Wälder hegen

Gibt uns der Weltenbaum den Segen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Heilige Bäume

 

 

 

Heilige Bäume gibt es weltweit wie den Banyanbaum in Asien, die Thuja in Amerika oder den Baobab in Afrika. Es sind Bäume, von denen die Menschen dankbar leben – oder solche, die eine besondere Majestät und Ausstrahlung haben. Vom Holz des Rides Riesen-Lebensbaumes (THUJA PLICATA) fertigten die Indianer einst Kanupaddel, Totempfähle und Haushaltsgeräte; mit der Rinde wurden Häuser gedeckt sowie Seile, Matten und Decken hergestellt. Der ausladende riesige BANYANBAUM, der über 1000 Jahre alt werden kann, gibt in den tropischen Ländern wohltuenden Schatten, dient als Treffpunkt und wird als beseeltes und bewohntes Wesen geachtet, auch gefürchtet. Unter dem BAOBAB hielt man in Südafrika einst den Ältestenrat ab, dort trafen sich die Medizinmänner, um vom Geist des Baumes beflügelt und in den Entscheidungen unterstützt zu werden. Dazu nutzen die Afrikaner schon seit Jahrhunderten nahezu alle Bestandteile des Affenbrotbaumes. Er gilt ihnen als Garant für Gesundheit und Wohlbefinden. Er ist ihr heiliger Zauber- und Apothekerbaum. Auch er wird mehrere hundert Jahre alt.

Unsere Vorfahren kannten viele heilige Bäume, hatten Haine, sogar heilige Wälder. Das waren ihre Tempel und die Orte regelmäßiger Versammlungen. Dort brachte man Opfer dar, hielt Gericht, versammelte sogar Heere. Die Bäume waren ja mit dem Himmel verbunden, weil sie zum Licht hin wuchsen. D.h., sie waren auch mit der geistig-göttlichen Welt irgendwie verbunden. Allen voran die EICHE, die durch ihren freien und souveränen Stand häufiger den Blitz anzog und mit dem Donnergott in Verbindung gebracht wurde. So ist es vielleicht kein Zufall, dass es gerade eine Eiche war, an der der sich ein bahnbrechender Wandel hierzulande entschied. Als Bonifatius 723 die Donareiche bei Geismar ohne Eingreifen der Götter fällen konnte, war die Kraft der alten Religion gebrochen. Von da an fielen nicht nur Bäume, sondern mit ihnen auch die Vertreter der alten Naturreligion. Die Bäume verloren mit der Zeit ihren göttlichen Nimbus – und waren bald ganz in den Dienst menschlicher Interessen gestellt - bis hin zur heutigen Forstwirtschaft, die erst langsam beginnt, die Bäume als vernetzte, großartige Lebewesen zu verstehen und die Bedürfnisse und Gesetze des Waldes zu achten.

 

Die Lebensbäume unserer Vorfahren waren BIRKE, HOLUNDER, WACHOLDER, APFEL und BUCHE. Die ESCHE war der Weltenbaum, die EIBE der Zauberbaum. Verbindung zur Anderswelt hatten HASEL und EBERESCHE. Die LINDE mit dem Herzblatt war Baum der Liebenden und Heilbaum. WEIDE und ESPE gaben Inspiration, waren aber auch Brücken ins Totenreich. WEISSDORN und HAINBUCHE wurden zur Abgrenzung und Schutz der Anwesen gepflanzt.

 

 

 

Die Eiche

 

Die Eiche nimmt sich in den ersten Jahren ihres Lebens viel viel Zeit zum Wachsen. Erst mit 60 Jahren wird sie geschlechtsreif. Doch dann entfaltet sie ihre Fruchtbarkeit und entwickelt eine ungewöhnliche Stärke und Stabilität. Sie beherbergt wie eine große Mutter hunderte von Arten. Ihre männliche Kraft zeigt sie in einem majestätischen Wuchs, knorriger Schönheit und langer

Lebensfähigkeit. Anders als Buche und Kastanie schützt sie ihre Früchte nicht mit Stacheln, sondern stellt sie ungeschützt in einem Becher frei auf.

 

 

 

Die Eibe

 

Trotz starken Rückgangs durch Abholzung seit dem Mittelalter ist die immergrüne Eibe die älteste Baumart Europas. Sie ist nicht so lichthungrig und akzeptiert auch Schatten, sie ist aber wehrhaft und giftig in allen ihren Teilen – bis auf den roten Samenmantel.  Sie hat eine große Regenerationsfähigkeit, indem Äste, die dem Boden entgegenwachsen, neue Wurzeln schlagen und neue Stämme bilden. So kann sie durchaus mehrere tausend Jahre alt werden. Durch ihr langsames Wachsen bildet sie ein hartes und zähes Holz. Sie galt ebenso als heiliger Lebensbaum wie als Todesbaum.

 

 

Die Esche

 

 

 

Die Esche ist ein sehr vitaler Baum, lichtliebend und lichtdurchlässig. Ihr gewaltiger Stamm ragt oft kerzengerade in die Höhe. In den Höhen spielt sie mit dem Licht, im Erdreich greift sie tief aus mit ihren Senkerwurzeln. Sie bevorzugt feuchte Böden und feuchte Luft und zeigt darin eine größere Nähe zum Wasser. Ihr Holz ist so hart, dass es das Wasser gut abweisen kann, so dass sie auch in feuchter Umgebung nicht fault. Auch sonst vereinigt sie in sich starke Gegensätze: hart und doch elastisch ist ihr Holz, sie ist eindrucksvoll (männlich) aufragend und doch (weiblich) rund in Stamm und Krone. Dieser majestätische Baum war nicht umsonst Repräsentant des Weltenbaumes bei den Germanen und bei den Kelten schnitzten die Druiden aus diesem Holz ihre (Zauber-) Stäbe.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Heiliger Baum

 

 

 

Mit Fahnen, Bändern, bunt geschmückt

so steht die Feige und entzückt

Betrachter, die von sehr weit fern

hierher gereist, bewundern gern

 

den hochverehrten heil'gen Baum 

und man erinnert sich noch kaum,

dass einst in uns'rem eig'nen Land

man selbst hier Halt und Zuspruch fand

 

Das große Leben zeigt sich hier,

das weiter, älter ist als wir

Da darf man ohne Scheu und Scham 

mal kommen mit dem ganzen Kram,

 

darf etwas äußern, etwas fleh'n

etwas erbitten und versteh'n

Die Antwort kommt und ist schon da,

in jedem krummen Zweig uns nah

 

Schau an die schöpferische Macht,

die sich hier zeigt in ganzer Pracht

Die Bänder wehen leicht im Wind

Wer weiß, wo sich die Lösung find't ...

 
 
 
 

 

Bodhi-Baum (Pappelfeige) in Lumbini © ziggymars - CanStockPhoto

 

 

 

 

 

In der Mythologie der Mayas war er die Weltenachse und der Weltenbaum: der Kapokbaum. Er wächst in den Tropen und gehört zu den größten Bäumen des Regenwaldes. Im Alter stützt er sich durch Ausbildung von Brettwurzeln ab. Die Fasern seiner Früchte sind ein ideales Füllmaterial für Kissen und Matratzen.

 

 

 

 

 

 

 

Der Linde bei der Kapelle zur schmerzhaften

Mutter Gottes

 

 

Sie bewegte viel im Herzen,

Maria, um den einen Sohn

In seinen Nöten, seinen Schmerzen

mag so mancher zu ihr geh‘n

 

 

Die blaue Himmelskönigin

weilt neben der Frau Linde

D i e hat die Heilkraft überall

in Blüten, Blättern, Rinde

 

Umfass den grünen, alten Baum,

er kennt des Lebens Härten,

trägt in sich eine linde Kraft,

kann lieben, trösten, stärken

 

 

 

 

Die 400 Jahre alte Sommerlinde in Geisenhausen hat einen Stammumfang von 9m, ist allerdings innen hohl, Äste aus der Krone drohen herauszubrechen. Aus Sicherheitsgründen ist die Linde daher eingezäunt. Die kleine Marienkapelle in ihrem Schatten stammt aus den 1930er Jahren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

DER ALTE HAIN

 

 

 

Der alte Hain war heilig
Und Frieden war in ihm

 

Den Römern viel zu mächtig
Und sie zerstörten ihn

 

Den Christen viel zu heidnisch
Und sie verboten ihn

 

Dem Denken abergläubisch
Und es misstraute ihm

 

Den Nazis viel zu nützlich
Und sie missbrauchten ihn

 

Uns heute viel zu selten
Und doch: wir suchen ihn

 

 

 

 

 

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© Jürgen Wagner