Jürgen Wagner
Jürgen Wagner

 

 

 

Frau Holle

 

 

 

 

FRAU HOLLE ist die mythische Personifikation

der großen, alten Naturmacht in Gestalt einer himmlischen Frau. Ihre 'großen Zähne' zeigen, dass sie zubeißen kann. Ihr Haus in der Tiefe ist der Raum verborgenen schöpferischen Wirkens, das ständig geschieht und geschehen muss. Es ist zugleich das himmlische Wirken in den Zeiten des Jahres. Wer immer in diesem großen Bezug mitwirkt, kann reich gesegnet werden. Wer sich  verweigert, wird es früher oder später zu spüren bekommen.

 

Ihre Zeit in Mitteleuropa waren die winterlichen Rauhnächte. Das war die Zeit des Übergangs von einem Jahr in das andere. Die göttliche Frau hütete den stillen Neuanfang der Natur, aber auch das Totenreich, die Spindel und die Spinnerinnen, die Arbeit und das Schicksal. Sie konnte so den Menschen nach ihrem Verhalten Glück oder Weh zuteilen.

 

Der Winter ist trotz seiner Kälte und seiner Stürme eine reich schenkende Jahreszeit – wenn man sie zu nehmen weiß. Das heißt vor allem, die Arbeit eine Zeit lang ruhen zu lassen und sich zurückzunehmen. In der heiligen Zeit gilt es, einmal wirklich zu pausieren.

 

Doch auch über den Winter hinaus war die Holle   Repräsentantin der Mutter Natur. Wenn Frau Holle sich kämmt, fließt Sonnenschein von ihrem Haar, wenn sie Feuer macht und kocht, ist die Welt von Nebel umhüllt, wenn sie ihre Schafe auf die Weide treibt, erscheinen Wolken am Himmel, wenn sie ihr Waschwasser ausleert, fällt Regen, wenn sie ihre Federbetten ausschüttelt, Schnee. In diesen einfachen Bildern hatte man das einst erfasst - vergleichbar dem Lied 'Weißt Du wieviel Sternlein stehen' in unserer christlichen Tradition, wo der himmlische Vater seine Schafe und Kinder hütet.

 

 

 

 

 

 

 

Eine Darstellung der 'wilden Jagd' der Winterstürme, die man sowohl männlich (Odin) als auch weiblich (Holle) personifizierte. Die Gottheiten waren nicht alleine, sondern mit ihrem jeweiligen 'Heer' unterwegs: Odin mit den verstorbenen Seelen der Krieger, Holle mit Frauen, den verstorbenen Seelen der Kinder und mit Tieren. Mancherorts stellte man in den Winternächten draußen kleine Tische mit Opfergaben  auf.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Winterstürme, die in der letzten Zeit des Jahres um die Behausungen jagten und heulten, an den Fenstern und Türen rüttelten, waren unseren Vorfahren ein deutliches Signal, dass wir Menschen es nicht nur mit uns selber zu tun haben, sondern größere Mächte unser Leben bestimmen. 'Die wilde Jagd', wie sie das nannten, nötigte einfach Respekt und Furcht ab. Auch uns Heutige würde es nicht kalt lassen, wenn wir in einer Hütte säßen, ein starker Schneesturm draußen unaufhörlich tobte, an allen Läden rüttelte und zerrte und unvermutet vielleicht sogar die Tür oder ein Fenster aufspränge. Da kann einer schon ins Nachdenken kommen, ob das ein Zeichen sein könnte, ob man im ausgehenden Jahr vielleicht alles richtig gemacht hat - oder ob man nun abgeholt wird ... .

 

 

 

 

 

                     

 

 

 

In unserer Zeit mit festen, sicheren Häusern, Zentralheizung und meist milden Wintern erleben wir das anders. Das 'Göttliche' erscheint uns selten noch so furchteinflößend. Wir sehen es im Zauber des Winters, wenn der erste Schnee fällt, wenn der Wald und die Felder weiß überzogen sind und die Wintersonne zum Wandern, Skilauf und Schlittenfahren einlädt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Frau Holle war in Mitteleuropa unter mehreren Namen bekannt. Im Brandenburgischen war es die Frau Frigg, wie folgende Sage berichtet.

 

 

 

 

 

Frau Frigg im märkischen Heideland

 

 

 

Die Seuche war ins Haus gekommen

sie hatte Kind und Kuh genommen

auch noch die Katze weggerafft

Den Bauer hatte das geschafft

 

Nun saß er arm und still am Feuer

Die Zwölften kamen ungeheuer

der Wind, der fegte um das Haus

Die Tür sprang auf, ihn packt der Graus

 

Doch draußen in der bitt‘ren Kälte

stand nur ein kleiner armer Welpe

Die Frau, sie holte ihn herein

Von nun an fiel ein heller Schein

 

ganz warm und freundlich in ihr Leben

Das Hündlein konnte sie erheben

Ein Jahr, da ging‘s den dreien gut

Dann kam die Zeit, wo alles ruht

 

Es klopfte drei Mal an die Tür 

Der Bauer hatte ein Gespür

Er öffnete der Himmelsfrau

Die sprach: ‚sei ohne Furcht, vertrau,

 

mein Hündlein fordere ich zwar

das ich verlor im letzten Jahr

Doch da ihr ward sehr gut zu ihm

und hattet Böses nie im Sinn

 

geb ich Euch meinen Segen drauf

mit Eurem Hof geh' es bergauf!'

Frau Frigg, sie rief den Hund zurück

Der sprang zu ihr und war verzückt

 

Das neue Jahr bracht' reiche Ernte

Das Unglück sich fortan entfernte

Viel Kälber, Ferkel, reichen Lohn

und sogar noch einen Sohn

 

 

 

 

 

Nach der gleichnamigen Sage  E, Franke, Sagen und Märchen der Frau Holle, Berlin 1923; S. Früh, Rauhnächte, 1998,S.75ff). Die Märkische Heide liegt in Brandenburg.

 

Die 'Zwölften' sind die 12 Rauhnächte vom 21.12 bis zum Neujahr, die heilige Zeit der Ruhe zwischen dem vollendeten Sonnenjahr zur Wintersonnenwende und dem noch nicht abeschlossenen Mondjahr (Monat Dezember)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Frau Holle und der treue Eckart

 

 

 

In Schwarza war’s, in alten Zeiten
Frau Holle kam mit großem Zug
der treue Eckart an der Spitze
Vielleicht auch nur ein großer Spuk
 
Zwei Jungen hatten Bier gekauft
und wichen angstvoll an die Seit‘
Die Weiber kannten keine Gnade
ergriffen die Gelegenheit
 
Tranken aus die vollen Kannen
und zogen weiter frohgemut
Der Eckart sagte diesen Jungen:
Nun seid gewarnt, seid auf der Hut
 
und sagt kein Wort von der Geschichte
so wird das Bier euch wiederbracht.
Sie gingen heim mit einem Schrecken
Und es geschah wie ausgemacht
 
Die Krüglein wollten nie versiegen
Man trank und scherzte guten Muts
Die Jungen hielten Wort drei Tage
dann packte sie der Übermut
 
Und sie erzählten, was geschehen
berichteten vom Geisterzug
Die Krüge füllten sich nie wieder
Die Götter hatten wohl genug

 

 

 

 

Der treue Eckart ist eine Gestalt der dt. Heldensage, der sprichwörtliche treue Warner. „Vor dem Heere her schritt ein Greis am weißen Stabe, der hieß die Leute aus dem Wege gehen, dass sie nicht Schaden litten, den nannte man den treuen Eckart, und brachte das Sprichwort von ihm auf: Du bist der treue Eckart, du warnest jedermann. Vom treuen Eckart ging der Glaube, dass, wenn das wilde oder wütende Heer nicht ziehe, so sitze er außen an der Höhle und warne jedermann.

 

Das Gebot, von göttlichen Dingen und Wundern  zu schweigen, kennen wir auch aus dem NT– und: dass es nicht eingehalten wird (Markus 1/44f). Ebenso das Wunder, dass eine göttliche Gabe sich immer wieder erneuert: „Das Mehl im Topf soll nicht verzehrt werden, und dem Ölkrug soll nichts mangeln bis auf den Tag, an dem der HERR regnen lassen wird auf Erden ... (1. Könige 17/1ff).

 

 

Nach einer Sage aus Thüringen, 'Deutsche Sagen', Jacob Grimm, Wilhelm Grimm, Kassel 1816/18, Nr. 7.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Sturm

 

 

 

 

Auf seiner Schulter ein Sack Mehl
Er gab sich selber den Befehl
Zu seinem weiten Weg nach Haus
Schon bald hob an ein Windesbraus

 

Der tobte, stürmte um ihn her
Er lief und kämpfte, doch ein Heer
Naturgewalten waren hier
Die drängten, schlugen, fällten schier

 

Den guten Mann, der hoch erregt
Auf einmal stillstand, tief bewegt
Die Mütze zog und neigte sich
Er rief gerad'zu feierlich:

 

‚Ich grüße Dich, liebe Frau Hull
Mit Deinem ganzen wild Gezull!‘
Ein Segen kam ihm leis zurück
Er fand nach Haus – und fand auch Glück

 

Das Mehl ging ihnen nie mehr aus
Ein Wohlstand kam ins arme Haus
So oft die Frau gebacken hat
Gab's immer Brot – für alle satt

 

 

 

Nach einer Haibacher Sage zur Holle (Frau Hull), die berichtete, dass nach dem Stillhalten und Grüßen des Mannes sein Mehlsack zuhause nimmermehr leer geworden sei, so oft seine Frau auch gebacken hat

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Bauer

 

 

 

Es war in den geweihten Nächten
die Dunkelheit brach schnell herein
Er stapfte durch den Schnee nach Hause
im Wald war er nun ganz allein

Das Dämmerlicht, die starken Winde
sie schlugen alles in den Bann
Da stob ein Wagen mit zwei Schimmeln
und einer weißen Frau heran

 

Sie sponn den silber glänzend Faden
die Spindel tanzte auf der Erd'
Doch plötzlich stoppten beide Rosse
Dem Mann ward Angst vor dem Gefährt


Die Spinnerin sah zu ihm nieder
und sprach zu ihm mit klarer Stimm
'Dein Beil ergreif, verkeil den Wagen,
doch habe eines auch im Sinn:

 

Aus bestem Holz brauch ich den Nagel
Es hängen Erd und Himmel dran
Am kleinsten Werk kann man erfahren
der Weltenordnung großer Plan'

Der Mann, er nahm es sich zu Herzen
Er schlug ein Bäumchen hart von Holz
und nutzte alle seine Künste
Am Ende war er sogar stolz

Die Arbeit war ihm gut gelungen
Das Rad war wieder fest verkeilt
Er richtete Geschirr und Deichsel
Doch bevor sie ihm enteilt


da hoffte er noch zu bekommen
ein kleines Geld für Müh und Fleiß -
'Die Späne dort auf diesem Boden,
das sei Dein heut'ger Lohn und Preis'


Die Pferde an den gold'nen Ketten
sie rissen vorwärts, brausten los
Zurück blieb nur ein schwer Enttäuschter
Der arme Mann war fassungslos

 

Er nahm sein Beil, hob auf die Späne
und ging nach Haus mit müdem Schritt
Doch als ihn unterwegs was drückte
erblickte er im Mondenlicht

ein gleißend Häuflein, schwer zu tragen
All seine Späne waren Gold
Da wusste er, es war die Holle,
der er heut diente, die ihm hold

Er eilte schnell zu Frau und Kindern
In ihren Schoß gab er den Schatz
erzählte ihnen, was geschehen
- da war in ihrer Hütte Platz

 

 

 

 

Nach Sigrid Früh, Rauhnächte – Märchen, Brauchtum, Aberglaube, Waiblingen 1998. S.81ff.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Frau Holle am Hörselberg

 

 

 

 

Es wohnte eine arme Frau
Und ihre beiden Töchter
Alleine an dem Hörselberg
Dort windete es öfter

 

Es klopfte abends an die Tür
Die Jüngste machte auf
Ein Mütterchen, zerzaust, gebückt
Die schaute zu ihr auf

 

'Um Obdach bitt' ich Euch, mein Kind!'
So ließen sie sie ein
Sie gaben ihr den Ofenplatz
Und Grütze obendrein

 

Sie sah die Spindeln, nickte kurz
'So manches gute Jahr
Sei Euch gewährt bei diesem Werk
Mit gar so manchem Haar'

 

Sie gaben ihr noch Apfelwein
Von ihrem einz’gen Baum
Sie sprach den Segen und trank aus
Da wurd‘ es hell im Raum

 

Sie wiesen ihr das Kammerbett
Die Nacht ging still vorbei
Am Morgen schauten sie herein
Das Bett war leer und rein

 

Es duftete nach Rosen hier
'Das muss die Holle sein
Die gestern war in uns’rem Haus
Und kam zu uns herein'

 

Der Winter ging mit Spinnen
Der Frühling kam herbei
Vier Apfelbäume wuchsen da
Es war wie Zauberei

 

Gedeihten gut in ihrem Garten
Die sie doch nie gepflanzt
Das war wohl die Frau Holle
Wie haben sie getanzt!

 

Und kelterten darauf den besten
Süß Apfelwein am Ort
Und so viel Leute kamen her
Und wollten nicht mehr fort

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Holunder

 

 

 

Vor dem Busch zieh' man den Hut
einer Göttin einst geweiht,
die den vielen Wesen hold
sorgt, dass alles gut gedeiht

 

Der Holunder lindert Schmerz
heilt bei Grippe und Ödemen
Marmelade macht man, Saft
Auch der Wein ist zu erwähnen

 

Haus und Hof sind wohlbeschützt
Ehren darf man ihn und hegen
Uns, die wir so fleißig spinnen
gibt die Hollermutter Segen

 

 

 

 

 

 

Artikel 'Frau Holle'
Geschrieben für das Märchenforum (www.mutabor.ch)
MF.68.Holle.pdf
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