Jürgen Wagner
Jürgen Wagner

 

 

 

 

Weisheitsgeschichten

 

 

 

 

 

Weisheitsgeschichten geben uns auf unterhaltsame Weise einen Spiegel. Das kann uns erheitern, ermuntern, auch infrage stellen. Es gibt sie in vielen Traditionen. Jenseits religiöser und ethnischer Konflikte zeigen sie uns etwas Menschliches, etwas von dem, was uns in aller Welt zutiefst eint.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Schneider

 

 

 

 

 

So sprach der Rabbi zum Jom Kippur:
nun kommt der Tag, der Frieden hat
Wie man ihn feiert, kann ich euch sagen:
Geht zu dem Schneider am Rande der Stadt!

Die Leute gingen und schauten durch's Fenster
Dort war man festlich versammelt am Tisch
Die Lichter brannten, man betete leise
Das Mahl war bereitet, die Kleider ganz frisch

Da griff der Schneider hinein in den Schrank
und holte heraus ein kleineres Buch
Er las seine Sünden in diesem Jahr:
sein Unmut, sein Zorn, ein verständlicher Fluch

Noch einmal griff er in diesen hinein
und holte ein dickeres langsam hervor
Hier war getreulich alles verzeichnet,
was Gott der Herr ihm getan hat zuvor:

so hart musste er schuften von früh bis spät,
zerstochen die Finger und kärglich das Brot,
so gequält seine Seele, so kränklich sein Leib,
die Mäuse im Keller und all ihre Not

„Mein Gott, vergeben sind Dir Deine Sünden
Oh Herr der Welt, vergib mir auch!
So können wir weiter in Frieden leben
und ehrlich feiern diesen Brauch“


 


 

 

Nach einer chassidischen Geschichte - zum Vorabend des großen Versöhnungstages (Jom Kippur, 3. Mose 16), des höchsten jüdischen Feiertages, der als Tag des Fastens, der Reue und der Umkehr bis heute selbst von nicht-religiösen Juden begangen wird.

 

 

 

 

 

 

Das Geräusch der Grille

 

 

 

Ein Weißer und ein Indianer
gehen durch die große Stadt
Dieser hält ganz plötzlich an
Der Weiße denkt: 'Was der nur hat?'

Oh, eine Grille ist am Zirpen
hinter jenem kleinen Strauch
Die Passanten laufen weiter
und man selber würd' es auch

Der Indianer lauscht den Tönen
Nur hatte keiner was gehört
'Haben wir so schlechte Ohren?'
fragt der Weiße ganz empört

'Du irrst, es liegt an and'ren Dingen',
schau, ich hab hier 50 Cent
Ich werfe sie mal auf die Strasse,
unbemerkt und ganz dezent

Ui, was für ein helles Klimpern
tönt da so verheißungsvoll?
Ein jeder wollt' sich dahin bücken:
Geld zu finden wär' doch toll!

Wir hören meist, was wir schon kennen,
sehen das, was uns vertraut
Ganz selten sind wir dafür offen,
was die Gewohnheit uns geraubt




Im Anschluss an eine Geschichte von Frederic Hetmann

 

 

 

 

Bruder Bruno

 

 

 

Versunken im Gebet zur Nacht,
da plötzlich: lautes Quaken
Der Ochsenfrosch sang grad‘ sein Lied,
Ja, dann doch lieber Schnaken!
 
Ganz wütend rief er da hinaus:
‚Gib Ruhe, Frosch, ich bete!‘ -
Des Heilgen Stimme wurd‘ gehört,
die Stille kam, doch späte

 

Da kam ihm etwas in den Sinn
‚Liebt Gott die Stimme beider?‘
Er hielt kurz inne, rief erneut:
‚Mein lieber Frosch, sing weiter!‘
 
Das Konzertier’n hub wieder an
Der Teich fing an zu singen
Der Bruder stört' sich nicht mehr dran,
war eins mit allen Dingen

 

 

 

Nach einer Geschichte von A. de Mello

 

 

 

 

 

Die bittere Melone

 

 

 

Ein Herr, der hatte einen Diener,
sehr treu ging er die Wege mit
'Bereite heute die Melone,
ich habe darauf Appetit!'

 

So sagte er, der Diener folgte,
servierte ihm die süße Frucht
'So koste sie!', bat der ihn freundlich
Er hatte sie selbst ausgesucht

 

Der nahm ein Stück, ein zweites, drittes,
er aß das ganze schöne Obst
Der Herr nahm rasch den letzten Bissen,
verzog die Miene, leicht erbost

 

'War'n deine Stücke auch so bitter?'
'Ja, sie waren fürchterlich!'
'Warum hast Du dann nichts gesagt?',
so fragte er ihn väterlich

 

'So lange bin ich Euch zu Diensten,
hab' so viel Süßes schon erfahr'n
Wenn e i n e Frucht heut' bitter war,
kann ich das Klagen mir erspar'n!'

 

 

Nach einer Sufigeschichte

 

Australian Green Tree Frogs © Andrew Blue/Fotolia

 

 

 

Zwei Frösche

 

 

 

Zwei Frösche sahen einen Eimer
- ängstlich war von ihnen keiner
Der erste sprang direkt hinein
Der and're sogleich hinterdrein

 

Mit frischer Milch war er gefüllt
so ward ihr Hunger bald gestillt
Sie schwammen viele schöne Runden
und tranken, bis sie fast versunken

 

Der erste wollte wieder raus
Doch packte ihn sofort der Graus
Der Eimerrand war spiegelglatt
Er wurd' verzagt, sein Geist wurd' matt

 

Was hat das noch für einen Sinn!?
Er sprach's - und sank - und war dahin
Der zweite ruderte entschlossen
und strampelte ganz unverdrossen

 

Es war schon Nacht, er gab nicht auf
Fast gab er selber nichts mehr drauf
Frühmorgens doch sah er sein Werk
und fand sich auf 'nem Butterberg

 

 

 

 

 

 

Befreiung

 

 

 

Es war ein Frosch im Brunnen
Hat dort sein Lied gesungen:
Die Welt, sie ist so furchtbar klein
Und dunkel auch noch obendrein
- Da ist er rausgesprungen

 

 

 

 

 

Die Macht des Wortes

 

 

 

 

Ein Meister über einem kranken Kind
sprach ein paar Worte leise lind
Gab’s seinen Eltern dann zurück:
‚Das mag nun heilen, Stück um Stück‘

 

Ein Fremder solches mit ansah
hielt dieses alles nicht für wahr:
'Wie kann ein Kind ohn‘ Arzenei
gesunden nur durch Beterei?'

 

Der Meister wies ihn daraufhin
sehr scharf zurecht und sagte ihm:
‚Verstehst das nicht, du bist ein Narr!‘ -
Der war beleidigt - um ein Haar

 

hätt‘ er demselben nie verzieh'n
Der Meister aber sagte ihm:
‚Wenn nur e i n Satz dich s o erregt,
würd' dann nicht auch ein Kind belebt?

 

 

Nach einer Sufi-Geschichte

 

 

 

 

Die indische Göttin Kali - © Sarka/Fotolia

 

Kali

 

 

 

Ein großer Meister, Gotteslehrer
er hatte einmal einen Traum:
Geh zur Göttin, ihrem Tempel
verneige Dich vor ihrem Saum

 

Er war entschlossen, dem zu folgen
Doch seine Schüler wurden irr
Nur einer folgte ihm zur Göttin
vertraute ihm, dass er nicht wirr

 

Der schwarzen Göttin Aug' in Auge
sein Herz, es wurd' zutiefst berührt
Er warf sich nieder, ehrte sie
gesehen hat er - und gespürt

 

Der Schüler stand ganz still dabei
Er sah das Eine, war beglückt
Den Andr’en blieb’s wohl weiterhin
nur lästerlich und wohl verrückt

 
 
 

Nach einer Sufi-Geschichte

 

 

 

 

Kali - gesprochen und musikalisch gerahmt (JW)
LANDR-Kali.mp3
MP3-Audiodatei [2.0 MB]

The biggest Treasure one can find

 

 

 

What is the biggest treasure, you can find?
A young man left all things behind
He travelled north and searched for gold
He travelled west and people told:

 

Help us to work and shut your mouth!
He turned away and rode to south
He reached a village with old men
sitting comfortably – and again

 

Very frustrated he went away
To the east he took his way
In a small hut he felt harmony
A wise man lived there peacefully

 

He stayed with him throughout three years
One day, he was verging on tears
‘I must go home!’ he told him honestly
‘I want to ask you, answer truly:

 

What is the biggest treasure one can find?’
He said: ‘desire nothing in your mind!’
He rode back home and told his wife
No greed for gold and no more strife

 

I’ll live with you in modesty
In work and peace and sympathy
Let us together find the way
And spread the treasure anyway!'

 

 

 

Nach einer Geschichte von Gerhard Breidenstein

 

 

 

 

 

Zufriedenheit

 

 

 

Ein Meister hatte einen Garten
der blühte schön, war gut gepflegt
Ein Schild stand da vor seine Hütte
das hat die Menschen sehr bewegt:

 

'Dies Grundstück werde ich verschenken
dem, der ganz schlicht zufrieden ist
Demselben werde ich es geben
ob arm ob reich, ob Bösewicht

 

Ein Kaufmann kam daher des Weges
der las und sprach: 'Ich bin der Mann!
Ich habe alles, was ich brauche -
diese Chance wird nicht vertan!'

 

Bevor noch jemand anders käme
da stellt‘ er sich dem Meister vor:
'Ich bin sehr glücklich, habe alles'
- so lag er diesem in den Ohr‘n

 

'Oh guter Mann, ich mag Euch fragen
wenn's denn so ist, wie Ihr mir sagt
warum wollt Ihr den Garten haben,
wenn scheinbar gar nichts an Euch nagt?'

 

 

 

 

Die Steinsuppe

 

 

 

Es war einmal ein Keltenkrieger
Im tiefen Winter kehrt er heim
Er hatt‘ schon lang nichts mehr zu essen
Nur ein Kessel ward‘ noch sein

 

Er kam in’s Dorf, entfacht ein Feuer
Legt in den Topf nur einen Stein
Füllt auf mit Wasser, kocht 'ne Suppe
'Nun, etwas Salz, das wäre fein!'

 

Ein Dorfbewohner tut‘s dazu
‚Das ist doch schon so richtig lecker!
Noch ‘ne Karotte und ein Brot!‘
Das spendet ihm der hies’ge Bäcker

 

Ein kleines Hühnerbein zuletzt
Die Kräuter - und etwas Getreide
Dann ist die Suppe schon perfekt
Und keiner sage mehr, er leide

 

So manche strömen noch herzu
Steinsuppe, die kannte keiner
Sie alle aßen, wurden satt
Zurück blieb letztlich nur noch einer:

 

Der Stein, der hier der Anfang war
In Tuch wird er am Schluss geschlagen
Wer weiß, wozu er noch mal dient
In diesen uns’ren armen Tagen

 

 

 

Eine Tasse Tee

 

 

 

 

Da fehlt noch was, sagt sich der Mann
der als Professor viel errang
War sehr belesen, sehr gelehrt
weit angesehen, hoch geehrt

 

Er macht sich auf zu einem Berg
Dort wohnt einer Weiser, wie man hört
der ihm vielleicht noch etwas sagt
und geben könnte einen Rat

 

Er findet ihn und stellt sich vor:
Professor Dr. Dr. Mohr
Ich komme nun von ziemlich fern
und hätte Unterweisung gern

 

Der Mönch vom Berg, er lädt ihn ein
zu einem Tee, der grün und fein
Er schenkt die Tasse gänzlich voll
und gießt noch weiter – ist der toll?

 

Der Tee läuft über Tisch und Bein
man hört den Hochgelehrten schrei’n:
"Es ist genug, es ist genug!
Was machen Sie da für Unfug?"

 

"Mein werter Herr, Sie können seh‘n
So kann's nicht immer weiter geh’n
Wenn man randvoll mit altem Zeug
mit Wissen und Gelehrsamkeit

 

dann leere man die Tasse aus
werf' manches Alte mal hinaus
Man werde still und öffne sich
für Neues, das noch nicht in Sicht

 

 

Nach einer Zen-Geschichte

 

 

 

 

 

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