Jürgen Wagner
Jürgen Wagner

 

 

 

Märchen

 

 

 

 

 

Weltweit erzählt man Mär-‚chen‘, 'kleine Geschichten'. Das Märchen ist die jüngere Schwester der Mythe. Es ist leichter, unterhaltsamer, verständlicher als diese. Beide jedoch geben der Seele Nahrung und Orientierung.

 

Die kleine M ä r hat stets klare, oft archetypische Paradigmen. Bei aller Gefälligkeit und Einfachheit tradiert sie wesentliche Erfahrungen und bewahrt die großen Themen der Menschheit:

 

 

Liebe, Weg und Initiation

 

Schicksal, Bereitschaft und Aufbruch

 

Magie, Hilfe und Weisung

 

Prüfung, Standhaftigkeit und Bewährung

 

Wahrhaftigkeit, Direktheit und Mut

 

Güte, Barmherzigkeit und Bescheidenheit

 

Tod, Übergang und Transformation

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Castle © malchev-fotolia

 

 

 

 

 

 

 

Die Märchen haben es erzählt

Es zieht den Menschen in die Welt

Es gibt etwas zu tun, zu finden!

Man muss sich einmal überwinden

 

um aufzubrechen, was zu wagen.

Erst unterwegs wird man beraten

Man nimmt es sich dann schon zu Herzen,

hat Prüfungen, erleidet Schmerzen –

 

bis alles ist getan, vollbracht.

Es geht durch Kämpfe, durch die Nacht

bis man den Drachen hat bezwungen,

für sich und and're was errungen

 

 

 

Marie erwacht nach ihrem Sturz in den Brunnen

 

 

 

 

 

 

Frau Holle

 

 

 

 

 

Der alte Brunn mit seinen Tiefen,

in den wir manchmal sehnlich riefen,

sein Echo kam uns spät und leis:

gesegnet sei dein Müh und Fleiß!

 

Das alte Haus in Himmels Höhen,

hinauf wir manchmal flehend sehen,

es fragt uns nur kaum hörbar sacht:

nimmst Du dein Haus heut gut in acht?

 

Die alte Spinnerin ist uns verborgen

Es nützt uns nichts, dass wir uns sorgen

Doch können wir auf eines bau'n:

spinn deinen Faden im Vertrau'n!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Frau Holle ist eine volkstümliche Gestalt, die in christlicher Zeit nicht mehr als Göttin auftreten, aber doch das Erbe der alten Göttinnen übernehmen und weitertragen konnte. In ihren Märchen und Sagen fließt sehr viel ein: die das Schicksal ‚spinnenden‘ Nornen, der weise  Urbrunnen, Frigga und Freya und sogar die Todesgöttin Hel. So wurde aus dem vorchristlichen Erbe der göttlich-weibliche Aspekt genuiner gerettet und bewahrt als in der Gestalt der Himmelskönigin und Gottesmutter Maria.

 

 

 Unter dem Namen 'Holle' hat sie ihren lokalen Schwerpunkt in Hessen und Thüringen, unter anderem Namen (Percht, Frau Gode, Frau Harke usf.) ist sie in anderen Gegenden bekannt. Ihre Hauptzeit ist der Winter, ihre heilige Zeit ist die Weihnachtszeit bzw. die Rauhnächte.
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Goldmarie

 

 

 

 

Geplagt an allen Tagen sitzt sie am Brunnenrand
Sie spinnt ganz unermüdlich, die Spule in der Hand

bis ihre Finger bluten, sie wäscht die Spule aus
Da fällt die in die Tiefe. Sie rennt vor Schreck nach Haus.

 

‚Hol‘ sie gefälligst wieder‘, so schilt die Mutter sie
Sie geht zurück zum Brunnen, ist ratlos wie noch nie

Mit allen ihren Ängsten, fasst sie sich doch ein Herz
und springt in seine Tiefe empfindet keinen Schmerz

 

Verliert dort die Besinnung und wacht dann wieder auf
Sieht sich auf einer Wiese - da blüht es ja zuhauf!

Sie trifft auf Brot und Äpfel, die sprechen leis zu ihr
Tut alles, was vonnöten, direkt und ohn‘ Begier

 

Geht weiter ihres Weges zum Haus der alten Frau
Erschreckend sind die Zähne, doch spürt sie ganz genau,

sie kann ihr wohl vertrauen. Sie dient ihr Tag um Tag
macht alles, was geheißen und tut es ohne Frag‘

 

So regnet, schneit‘s auf Erden, Natur geht ihren Gang
Sie dient der Großen Mutter. Es tönt der Weltgesang

Sie darf zurück nach Hause ins Reich der Menschen geh’n
Am Tor wird sie gesegnet um Neues zu besteh’n

 

 

 

 

 

 

Frau Holle lässt es auf Erden schneien

 

 

 

 

 

 

 

Pechmarie

 

 

 

Verwöhnt nach Strich und Faden, nichts Eigenes erreicht
Sie sieht die güld'ne Schwester und wird ganz furchtbar bleich

Nun geh schon, sagt die Mutter. Das kann so schwer nicht sein
Folg‘ nur der Schwester Spuren, dann ist das bald auch Dein ...

 

Sie trifft auf Brot und Äpfel und ihre täglich‘ Pflicht
Das ist ihr viel zu lästig. Das ist es sicher nicht!‘

So geht sie eilends weiter und trifft die alte Frau
Die kann sie nicht erschrecken sie weiß schon ganz genau

 

was täglich ist zu leisten. Sie lässt sich darauf ein,
doch wird sie sehr schnell müde und lässt die Pflicht Pflicht sein

Die Betten frisch zu machen, das ist so wichtig nicht
Sie lässt es heut mal schleifen - sieh da: das Bündnis bricht!

 

Sie geh‘n zurück die Wege Marie hofft noch darauf
dass sie doch auch empfange ... Sie sieht: das Tor ist auf

Verweilend auf der Schwelle, das Glück zum Greifen nah
Nun mag es doch geschehen! Tatsächlich: es geschah

Es regnete hernieder der Himmelssegen hold
Doch fand er nichts ihm Gleiches und wurde Pech statt Gold

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Marie und Marie

 

 

 

 

Zwei Wege zeigt das Holle-Märchen
in der Alten Mutter Reich
Den Gegensatz in einem Pärchen,
heißen tun sie beide gleich

 

Wir sind es selbst, in beiden Teilen,

sind geneigt wie hier, so dort
Am besten wär es, still verweilen,
finden jenen tiefen Ort

 

wo wir selbst etwas erfahren,

dienen in dem großen Haus,
bescheiden werden mit den Jahren
und die Betten schütteln aus

 

Wer auf Erden kann's vollbringen
hat's in jeder Welt bei sich
und wird neu gesegnet werden
am großen Tor ganz sicherlich

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wasser - Wasser des Lebens

 

 

 

 

Als wir einmal als Studenten in Israel nach einer Wüstenwanderung ziemlich ausgedörrt ein kleines arabisches Haus mit einem rostigen Fass und verdrecktem Wasser erreichten und endlich etwas trinken konnten, wussten wir, wie sehr Wasser ‚Lebenswasser‘ ist. Seit dieser Zeit schätze ich jeden Schluck Wasser, den ich trinken kann, jeden Wasserhahn, jeden Wasserlauf.

 

In den religiösen Traditionen wie in den Volksmärchen gibt es das Symbol des ‚Wassers des Lebens‘. Obwohl Wasser an sich schon das Lebenselement schlechthin ist, meint es dort noch etwas Anderes, Jenseitiges:

 

„Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr durstig sein. Das Wasser, das ich ihm gebe, wird in ihm zu einer Quelle werden, die unaufhörlich fließt, bis ins ewige Leben“ (Jesus zur Frau am Brunnen in  Joh 4,14).

 

Hier ist die Rede von einer Wesensverwandlung, wo aus einem immer Durstigen, Gierigen ein friedvoller und segensreicher Mensch wird. Das Wasser des Lebens ist hier eine geistige Gabe, die den Menschen innerlich heilt.

 

Auch die Volksmärchen greifen diesen Zusammenhang auf. Ein kranker König kann nur durch dieses besondere ‚Wasser des Lebens‘ geheilt werden, das verborgen quasi in einer anderen Welt existiert und streng bewacht wird. Nur ein Mensch, der reinen Herzens ist, hat überhaupt die Chance, dahin zu gelangen. Meistens bekommt er unterwegs eine entscheidende Hilfe von einem Zwerg oder einem sprechenden Tier, was an die schamanischen Reisen erinnert, wo Heilung auch nur mit Hilfe der Tier- oder Pflanzengeister gelingt. Erreicht der Märchenheld endlich jenen sagenhaften Ort, steht er vor einem Brunnen mit einem schlafenden Mädchen, das den Quellgeist verkörpert.

 

„Wasser wurde schon immer als ein weibliches Element verstanden und das Wasser einer Quelle galt früher als heilig und jungfräulich. Auch in den Volksmärchen sind die Symbole der Jungfrau und des Lebenswassers eng miteinander verbunden“ (Adelheid Heim, Märchenforum 59/2013, S. 15f)).

 

Während im Alten (Ps 36/9) und Neuen Testament das ‚Wasser des Lebens‘ nicht weiter ausgedeutet wird, erzählen die Volksmärchen in vielen Ländern eine lange und verwickelte Geschichte. Ein ganzes Lebensdrama wird typologisch entfaltet und dem Hörer erzählt, wie es durch viele Prüfungen hindurch, mit etwas Glück und Hilfe doch zu einem guten Ende geführt werden kann. Es geht eigentlich gar nicht so sehr um den kranken König am Anfang der Geschichte, sondern um den jungen Helden, er sich um die Rettung bemüht und sein Leben dafür einsetzt. Er ist am Ende selbst der Gerettete – und der, der Hochzeit feiern und das Königreich übernehmen darf. Das Märchen erzählt auch immer den Antitypos, erzählt, wie man es nicht machen sollte. Die zwei älteren Brüder übernehmen meist diese Rolle, der jüngste übernimmt die des aufrechten, lernbereiten Menschen.

 

Wie das gewöhnliche Wasser den Verdurstenden in der Wüste retten kann, so ist das ‚Wasser des Lebens‘ ein Symbol für das, was uns Menschen innerlich heilen, unser endloses innere Dürsten stillen kann. Während die religiösen Traditionen zur Hinwendung zu Gott auffordern, legen die Märchen in ihren Bildern nahe, dass es ein Weg des Menschen in seine eigenen Tiefen ist, der hier gegangen werden muss. Der geheimnisvolle Brunnen, den Löwen bewachen und an dem eine junge Frau schlummert, der ist man letztlich selbst. Diese ‚Reise nach innen‘ ist wohl die längste (Dag Hammarskjöld) und abenteuerlichste, aber auch die verheißungsvollste, die ein Mensch unternehmen kann.

 

Märchenbeispiele: 

 

 

http://maerchenbasar.de/…/br…/390-das-wasser-des-lebens.html

 

http://maerchenbasar.de/klassische-maerchen/westeuropa/spanien/1347-die-frau-die-auszog-ihren-mann-zu-erloesen.html

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Bedeutung der Ahnen anhand eines norwegischen Volksmärchens
Beitrag zum Märchenforumsheft 3/2018
MF79 Der 7. Vater im Haus.pdf
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Bild   ©  Raimund Kirchweger 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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