Jürgen Wagner
Jürgen Wagner

 

WEIBLICHE GOTTHEITEN

 

 

 

 

 

 

 

 

 

DIE GÖTTINNEN UNSERER VORFAHREN

 

 

 

 

Der männlich-göttliche Aspekt, den bei unseren Vorfahren zunächst einmal Odin vertritt, ist auf Durchsetzungskraft und Weisheit ausgerichtet.

Der weiblich-göttliche Aspekt, den Frigga und Freya vor allem repräsentieren, umfasst das Hüten des Jahreskreislaufs und des menschlichen Lebens. Saat und Ernte, Arbeit und Ruhe, Liebe und Ehe, Geburt und Tod stehen im Vordergrund. Obwohl Freya und Frigga so nicht überlebten, existierten sie doch weiter in volkstümlicher Gestalt, die man unter verschiedenen Namen in Mitteleuropa findet: Frau Gode (Godan war Odin/Wotan), Frau Holle (vielleicht von Hulda), Frau Perchta, Gerke usf. Sie wurde zur Hüterin der Anderswelt, die gleichzeitig in der Brunnentiefe wie in den Himmelshöhen existiert. Ihre Hauptzeit, ist der stürmische Winter. Sie hat, wie ihr männliches Pendant, ebenfalls eine milde u n d eine raue Art. Sie kann reich schenken, wenn jemand das Verlangte tut. Sie kann auch unbarmherzig strafen, wenn das Gebotene versäumt wird. Ihre Spur reicht zurück bis zu den das Schicksal webenden Nornen. So dürfen wir davon ausgehen, dass im Volksempfinden das göttlich-Weibliche doch überlebt hat:

 

in unserem Empfinden für Gerechtigkeit,
in unserer Achtung des Jahreskreises,
im Fleiß unserer Arbeit und im Ruhen unserer Hände zu gegebener Zeit,
in der Liebe und dem Bund zwischen Mann und Frau.

 

Auch Maria und einige christliche Heilige haben etwas von dem Erbe bewahrt, unter anderem Namen und in einem anderen Kontext.

 

 

 

Bild: Frigga mit ihrer Dienerin Fulla, die ihr das Schmuckkästlein bringt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Frau Holle - die Erbin der alten Göttinnen

 

 

 

 

FRAU HOLLE ist eine Erbin der alten germanischen Göttinnen, doch in einer eher volkstümlichen Gestalt. Die Göttinnen, allen voran Frigga und Freya - und natürlich auch die Nornen - hatten in der jüdisch-christlichen Tradition keinen Platz mehr. Sie lebten nur noch in dämonisierter Gestalt weiter - oder unter dem Deckmantel von Heiligen. Einzig Frau Holle - und ihre Parallelgestalten - haben in Sagen und Märchen die Christianisierung in den Herzen der Menschen einigermaßen überlebt.

 

Ihre Zeit ist vor allem der Winter und ihre Fürsorge gilt vor allem den Frauen und Mädchen. Aber sie füllte auch den Raum, den andere Göttinnen früher gehütet hatten und konnte fast die  ganze Naturmacht repräsentieren. Ihre 'großen Zähne' zeigen, dass sie zubeißen kann, ihre 'lange Nase', dass sie sehr 'guten Riecher' hat. Ihr Haus in der Brunnentiefe ist auch das himmlische Haus in den Höhen. Sie ist d i e himmlische Frau der Anderswelt - so wie der himmlische Vater in der jüdisch-christlichen Vorstellung auch die Welt regiert. Frau Holle ist mythisch nicht auf die große Göttin festgelegt, sie ist, anders als der christliche Gott, nicht dogmatisch fixiert. Sie gehört in einen polytheistischen Kontext - und darin sollte man sie auch lassen. Sie kann als schönes Mädchen erscheinen, als Alte, als Bettlerin, als weiße Frau. Sie hat keinen monotheistischen Anspruch. Neben Frau Holle/Frigga  wirken prinzipiell auch ihr Gatte Wodan und viele andere. Sie sind nur in den Dämmerschlaf der Geschichte versunken.

 

 

Ihre Zeit in Mitteleuropa waren die winterlichen Rauhnächte. Das war die Zeit des Übergangs von einem Jahr in das andere. Die göttliche Frau hütete den stillen Neuanfang der Natur, aber auch das Totenreich, die Spindel und die Spinnerinnen, die Arbeit und das Schicksal. Sie konnte so den Menschen nach ihrem Verhalten Glück oder Weh zuteilen.

 

Der Winter ist trotz seiner Kälte und seiner Stürme eine reich schenkende Jahreszeit – wenn man sie zu nehmen weiß. Das heißt vor allem, die Arbeit eine Zeit lang ruhen zu lassen und sich zurückzunehmen. In der heiligen Zeit gilt es, einmal wirklich zu pausieren.

 

Doch auch über den Winter hinaus war die Holle  Repräsentantin der Mutter Natur. Wenn Frau Holle sich kämmt, fließt Sonnenschein von ihrem Haar, wenn sie Feuer macht und kocht, ist die Welt von Nebel umhüllt, wenn sie ihre Schafe auf die Weide treibt, erscheinen Wolken am Himmel, wenn sie ihr Waschwasser ausleert, fällt Regen, wenn sie ihre Federbetten ausschüttelt, Schnee. In diesen einfachen Bildern hatte man das einst erfasst - vergleichbar dem Lied 'Weißt Du wieviel Sternlein stehen' in unserer christlichen Tradition, wo der himmlische Vater seine Schafe und Kinder hütet.

 

 

 

 

 

 

Eine Darstellung der 'wilden Jagd' der Winterstürme, die man sowohl männlich (Odin) als auch weiblich (Holle) personifizierte. Die Gottheiten waren nicht alleine, sondern mit ihrem jeweiligen 'Heer' unterwegs: Odin mit den verstorbenen Seelen der Krieger, Holle mit Frauen, den verstorbenen Seelen der Kinder und mit Tieren. Mancherorts stellte man in den Winternächten draußen kleine Tische mit Opfergaben  auf.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Winterstürme, die in der letzten Zeit des Jahres um die Behausungen jagten und heulten, an den Fenstern und Türen rüttelten, waren unseren Vorfahren ein deutliches Signal, dass wir Menschen es nicht nur mit uns selber zu tun haben, sondern größere Mächte unser Leben bestimmen. 'Die wilde Jagd', wie sie das nannten, nötigte einfach Respekt und Furcht ab. Auch uns Heutige würde es nicht kalt lassen, wenn wir in einer Hütte säßen, ein starker Schneesturm draußen unaufhörlich tobte, an allen Läden rüttelte und zerrte und unvermutet vielleicht sogar die Tür oder ein Fenster aufspränge. Da kann einer schon ins Nachdenken kommen, ob das ein Zeichen sein könnte, ob man im ausgehenden Jahr vielleicht alles richtig gemacht hat - oder ob man nun abgeholt wird ... .

 

 

 

 

 

                     

 

 

 

In unserer Zeit mit festen, sicheren Häusern, Zentralheizung und meist milden Wintern erleben wir das anders. Das 'Göttliche' erscheint uns selten noch so furchteinflößend. Wir sehen es im Zauber des Winters, wenn der erste Schnee fällt, wenn der Wald und die Felder weiß überzogen sind und die Wintersonne zum Wandern, Skilauf und Schlittenfahren einlädt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Frau Holle war in Mitteleuropa unter mehreren Namen bekannt. Im Brandenburgischen war es die Frau Frigg, die direkt auf die Gattin Odins zurückweist.

 

 

 

 

 

Frau Frigg im märkischen Heideland

 

 

 

Die Seuche war ins Haus gekommen

sie hatte Kind und Kuh genommen

auch noch die Katze weggerafft

Den Bauer hatte das geschafft

 

Nun saß er arm und still am Feuer

Die Zwölften kamen ungeheuer

der Wind, der fegte um das Haus

Die Tür sprang auf, ihn packt der Graus

 

Doch draußen in der bitt‘ren Kälte

stand nur ein kleiner armer Welpe

Die Frau, sie holte ihn herein

Von nun an fiel ein heller Schein

 

ganz warm und freundlich in ihr Leben

Das Hündlein konnte sie erheben

Ein Jahr, da ging‘s den dreien gut

Dann kam die Zeit, wo alles ruht

 

Es klopfte drei Mal an die Tür 

Der Bauer hatte ein Gespür

Er öffnete der Himmelsfrau

Die sprach: ‚sei ohne Furcht, vertrau,

 

mein Hündlein fordere ich zwar

das ich verlor im letzten Jahr

Doch da ihr ward sehr gut zu ihm

und hattet Böses nie im Sinn

 

geb ich Euch meinen Segen drauf

mit Eurem Hof geh' es bergauf!'

Frau Frigg, sie rief den Hund zurück

Der sprang zu ihr und war verzückt

 

Das neue Jahr bracht' reiche Ernte

Das Unglück sich fortan entfernte

Viel Kälber, Ferkel, reichen Lohn

und sogar noch einen Sohn

 

 

 

 

 

Nach der gleichnamigen Sage  E, Franke, Sagen und Märchen der Frau Holle, Berlin 1923; S. Früh, Rauhnächte, 1998,S.75ff). Die Märkische Heide liegt in Brandenburg.

 

Die 'Zwölften' sind die 12 Rauhnächte vom 21.12 bis zum Neujahr, die heilige Zeit der Ruhe zwischen dem vollendeten Sonnenjahr zur Wintersonnenwende und dem noch nicht abeschlossenen Mondjahr (Monat Dezember)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Frau Holle und der treue Eckart

 

 

 

In Schwarza war’s, in alten Zeiten
Frau Holle kam mit großem Zug
der treue Eckart an der Spitze
Vielleicht auch nur ein großer Spuk
 
Zwei Jungen hatten Bier gekauft
und wichen angstvoll an die Seit‘
Die Weiber kannten keine Gnade
ergriffen die Gelegenheit
 
Tranken aus die vollen Kannen
und zogen weiter frohgemut
Der Eckart sagte diesen Jungen:
Nun seid gewarnt, seid auf der Hut
 
und sagt kein Wort von der Geschichte
so wird das Bier euch wiederbracht.
Sie gingen heim mit einem Schrecken
Und es geschah wie ausgemacht
 
Die Krüglein wollten nie versiegen
Man trank und scherzte guten Muts
Die Jungen hielten Wort drei Tage
dann packte sie der Übermut
 
Und sie erzählten, was geschehen
berichteten vom Geisterzug
Die Krüge füllten sich nie wieder
Die Götter hatten wohl genug

 

 

 

 

Der treue Eckart ist eine Gestalt der dt. Heldensage, der sprichwörtliche treue Warner. „Vor dem Heere her schritt ein Greis am weißen Stabe, der hieß die Leute aus dem Wege gehen, dass sie nicht Schaden litten, den nannte man den treuen Eckart, und brachte das Sprichwort von ihm auf: Du bist der treue Eckart, du warnest jedermann. Vom treuen Eckart ging der Glaube, dass, wenn das wilde oder wütende Heer nicht ziehe, so sitze er außen an der Höhle und warne jedermann.

 

Das Gebot, von göttlichen Dingen und Wundern  zu schweigen, kennen wir auch aus dem NT– und: dass es nicht eingehalten wird (Markus 1/44f). Ebenso das Wunder, dass eine göttliche Gabe sich immer wieder erneuert: „Das Mehl im Topf soll nicht verzehrt werden, und dem Ölkrug soll nichts mangeln bis auf den Tag, an dem der HERR regnen lassen wird auf Erden ... (1. Könige 17/1ff).

 

 

Nach einer Sage aus Thüringen, 'Deutsche Sagen', Jacob Grimm, Wilhelm Grimm, Kassel 1816/18, Nr. 7.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Sturm

 

 

 

 

Auf seiner Schulter ein Sack Mehl
Er gab sich selber den Befehl
Zu seinem weiten Weg nach Haus
Schon bald hob an ein Windesbraus

 

Der tobte, stürmte um ihn her
Er lief und kämpfte, doch ein Heer
Naturgewalten waren hier
Die drängten, schlugen, fällten schier

 

Den guten Mann, der hoch erregt
Auf einmal stillstand, tief bewegt
Die Mütze zog und neigte sich
Er rief gerad'zu feierlich:

 

‚Ich grüße Dich, liebe Frau Hull
Mit Deinem ganzen wild Gezull!‘
Ein Segen kam ihm leis zurück
Er fand nach Haus – und fand auch Glück

 

Das Mehl ging ihnen nie mehr aus
Ein Wohlstand kam ins arme Haus
So oft die Frau gebacken hat
Gab's immer Brot – für alle satt

 

 

 

Nach einer Haibacher Sage zur Holle (Frau Hull), die berichtete, dass nach dem Stillhalten und Grüßen des Mannes sein Mehlsack zuhause nimmermehr leer geworden sei, so oft seine Frau auch gebacken hat

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Bauer

 

 

 

Es war in den geweihten Nächten
die Dunkelheit brach schnell herein
Er stapfte durch den Schnee nach Hause
im Wald war er nun ganz allein

Das Dämmerlicht, die starken Winde
sie schlugen alles in den Bann
Da stob ein Wagen mit zwei Schimmeln
und einer weißen Frau heran

 

Sie sponn den silber glänzend Faden
die Spindel tanzte auf der Erd'
Doch plötzlich stoppten beide Rosse
Dem Mann ward Angst vor dem Gefährt


Die Spinnerin sah zu ihm nieder
und sprach zu ihm mit klarer Stimm
'Dein Beil ergreif, verkeil den Wagen,
doch habe eines auch im Sinn:

 

Aus bestem Holz brauch ich den Nagel
Es hängen Erd und Himmel dran
Am kleinsten Werk kann man erfahren
der Weltenordnung großer Plan'

Der Mann, er nahm es sich zu Herzen
Er schlug ein Bäumchen hart von Holz
und nutzte alle seine Künste
Am Ende war er sogar stolz

Die Arbeit war ihm gut gelungen
Das Rad war wieder fest verkeilt
Er richtete Geschirr und Deichsel
Doch bevor sie ihm enteilt


da hoffte er noch zu bekommen
ein kleines Geld für Müh und Fleiß -
'Die Späne dort auf diesem Boden,
das sei Dein heut'ger Lohn und Preis'


Die Pferde an den gold'nen Ketten
sie rissen vorwärts, brausten los
Zurück blieb nur ein schwer Enttäuschter
Der arme Mann war fassungslos

 

Er nahm sein Beil, hob auf die Späne
und ging nach Haus mit müdem Schritt
Doch als ihn unterwegs was drückte
erblickte er im Mondenlicht

ein gleißend Häuflein, schwer zu tragen
All seine Späne waren Gold
Da wusste er, es war die Holle,
der er heut diente, die ihm hold

Er eilte schnell zu Frau und Kindern
In ihren Schoß gab er den Schatz
erzählte ihnen, was geschehen
- da war in ihrer Hütte Platz

 

 

 

 

Nach Sigrid Früh, Rauhnächte – Märchen, Brauchtum, Aberglaube, Waiblingen 1998. S.81ff.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Frau Holle am Hörselberg

 

 

 

 

Es wohnte eine arme Frau
Und ihre beiden Töchter
Alleine an dem Hörselberg
Dort windete es öfter

 

Es klopfte abends an die Tür
Die Jüngste machte auf
Ein Mütterchen, zerzaust, gebückt
Die schaute zu ihr auf

 

'Um Obdach bitt' ich Euch, mein Kind!'
So ließen sie sie ein
Sie gaben ihr den Ofenplatz
Und Grütze obendrein

 

Sie sah die Spindeln, nickte kurz
'So manches gute Jahr
Sei Euch gewährt bei diesem Werk
Mit gar so manchem Haar'

 

Sie gaben ihr noch Apfelwein
Von ihrem einz’gen Baum
Sie sprach den Segen und trank aus
Da wurd‘ es hell im Raum

 

Sie wiesen ihr das Kammerbett
Die Nacht ging still vorbei
Am Morgen schauten sie herein
Das Bett war leer und rein

 

Es duftete nach Rosen hier
'Das muss die Holle sein
Die gestern war in uns’rem Haus
Und kam zu uns herein'

 

Der Winter ging mit Spinnen
Der Frühling kam herbei
Vier Apfelbäume wuchsen da
Es war wie Zauberei

 

Gedeihten gut in ihrem Garten
Die sie doch nie gepflanzt
Das war wohl die Frau Holle
Wie haben sie getanzt!

 

Und kelterten darauf den besten
Süß Apfelwein am Ort
Und so viel Leute kamen her
Und wollten nicht mehr fort

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Holunder

 

 

 

Vor dem Busch zieh' man den Hut
einer Göttin einst geweiht,
die den vielen Wesen hold
sorgt, dass alles gut gedeiht

 

Der Holunder lindert Schmerz
heilt bei Grippe und Ödemen
Marmelade macht man, Saft
Auch der Wein ist zu erwähnen

 

Haus und Hof sind wohlbeschützt
Ehren darf man ihn und hegen
Uns, die wir so fleißig spinnen
gibt die Hollermutter Segen

 

 

 

 

 

 

DER SEIDR

 

 

‚Über den dänischen König König Frodi wird in der Hrolfs Saga und in Saxos Gesta Danorum berichtet, dass er eine Seidhkona (Magierin) beauftragt habe, um seine Neffen aufzuspüren und zu töten, die ihrerseits zuvor eine Seidhkona beauftragt hatten, den rechtmässigen König zu töten und sich seitdem verstecken mussten. Die Seidhkona ist natürlich in der Lage, die Neffen aufzupüren, verrät aber deren Aufenthaltsort nicht, weil sie zuvor bestochen wurde und redet sich mit einer feindlichen magischen Attacke heraus, die sie gehindert habe, die Neffen aufzuspüren‘.

Das ist so ziemlich die Grundstimmung in den uns zugänglichen Quellen zur magischen Praxis des Seidr. Er wurde für Divination/Zukunftsschau und Schadzauber praktiziert. Die dazu nötigen Geister und ihre Kräfte wurden mittels Gesänge herbeigerufen, und dann befragt oder beauftragt. Man sollte das heute aufgrund der großen Vorbelastung m.E. nicht mehr ausüben, sondern andere Techniken der Trance und der Kontakte mit der Geistwelt suchen, die nicht so belastet sind wie der Seidr. Er muss nicht notwendigerweise negativ sein, er diente auch der Vorausschau von Ernten oder persönlichen Schicksalen. Aber selbst hier sind die Berichte nicht ermutigend:

‚In der Vatnsdoela Saga lädt der Bauer Ingialdr eine Seidhkona auf die norwegische Insel Hefniey ein, um bei einem Fest die Zukunft der Teilnehmer vorauszusagen. Die öffentliche Voraussage bei einem Fest scheint ein gängiger Bestandteil des „weissen Seidhr“ gewesen zu sein, im Gegensatz zum eher heimlichen „schwarzen Seidhr“. Als der Sohn Ingialdrs dieses ablehnt, da er die Zukunft nicht vorher wissen, sondern erleben möchte, überrumpelt ihn die Seidhkona und sagt die Zukunft auf Island gegen seinen Wunsch voraus. Interessanterweise gerät der Sohn hierdurch in den Bann der Seidleute und sucht diese später immer wieder auf. Auch in der Örvar-Odds Saga und Tattr af Norna-Gesti wird ausdrücklich von Personen berichtet, die die Vorhersage ablehnen, weil sie einen unerwünschten Eingriff in ihr Wyrd (Schicksalsgeflecht) fürchten‘

Vielleicht war es deshalb für das Christentum auch so leicht, die Magie insgesamt zu verteufeln, aus den geachteten weisen Frauen gefürchtete Hexen zu machen und das ganze Heidentum für dämonisch zu erachten. Es wurden drakonische Strafen angesetzt. Seidr ahndete man unter Erik II. in Norwegen (13. Jh.) so:

Man soll sie, die Seidr praktizieren, auf die See bringen und sie versenken.

 

 

 

 

 

 

Bild: Die Völva Heiði auf einer Briefmarke der Färoer-Inseln

 

 

 

 

 

 

 

 

DER MYTHISCHE HINTERGRUND DES SEIDR

 

 

 

Es wird erzählt, die Liebesgöttin Freya habe von Odin die Kunst Galdr (Runengesang und Poesie) gelernt und im Gegenzug Odin die Kunst des Seidr gelehrt. Dadurch beherrschte er „die Kunst, die am mächtigsten ist, und seiðr genannt wird, und dadurch kannte er das Schicksal der Menschen und die Gefahren der Zukunft und ebenso, wie man einem Menschen den Tod oder Unglück oder eine Krankheit bringt und wie man die Menschen um Kraft und Verstand bringt und sie jemand anderem gibt. Aber mit dieser Weisheit war so große Schande verbunden, dass die Männer meinten, sie könnten sie nicht ohne Schande ausüben und darum brachte man diese Kunst den Priesterinnen bei“ (Ynglinga Saga, Kap. 7).

Was genau daran so schändlich war, wird nicht berichtet. Es könnte das Unehrenhafte dieses versteckten Kämpfens sein. Es könnte auch nur das körperliche Zittern und Beben bei der geistigen Ekstase sein, das Frauen näher lag als Männern. Konkret hat die magische Praxis z.B. so ausgesehen:

Die Völva (die Frau mit dem Stab) wanderte von Hof zu Hof und wurde eingeladen. Sie wurde mit höchsten Ehrerbietungen empfangen, sorgfältig wurde für ihr Wohlergehen und ihre Bequemlichkeit gesorgt. Manchmal übernachtete sie zuerst und achtete auf ihre Träume. Am darauffolgenden Tag eröffnete sie die ‚Séance‘, saß oder stand erhöht und bestimmte die Frauen, die sich im Kreis um sie stellten. Diese sangen ein altes Zauberlied, mit dem die Geister gerufen und sie in Trance und in Verbindung mit den Geistwesen gehen konnte. Am Ende ging jeder von seinem Platz zu ihr hin und fragte sie nach seinen besonderen Angelegenheiten. Zuletzt wurde sie beim Aufbruch noch beschenkt.

 

 

DAS RITUAL IN DER SAGE VON ERIK DEM ROTEN

 

 

 

'In Grönland herrschte zu Anfang des elften Jahrhunderts eine große Hungersnot. Der reichste Bauer, Thorkel, beschloss, die Völva Thorbjörg zu Rate zu ziehen. „Sie war gekleidet in einen blauen Mantel, und dieser war bis zum Saum mit kostbaren Steinen besetzt. Um den Hals trug sie Glasperlen, auf dem Kopf eine Mütze aus schwarzem Lammfell, die innen mit weißem Katzenfell ausgefüttert war. In der Hand hielt sie einen messingbeschlagenen Stab, der oben einen Knopf hatte; auf dem Knopf saß ein Stein. Um die Taille trug sie einen Gürtel mit Zunderbüchse; am
Gürtel hing ein Lederbeutel, in dem sie die Zaubermittel aufbewahrte, die sie zu ihrer Wahrsagerei benötigte. An den Füßen trug sie haarige Schuhe aus Kalbsfell mit langen Riemen, die am Ende große Zinnknöpfe hatten. An den Händen trug sie Handschuhe aus Katzenfell, die innen weiß und haarig waren.“ Sie bekam zu essen von den Herzen aller Tiere, die da waren; beim Essen benutzte sie einen Messinglöffel und ein Messer, von dem die Spitze abgebrochen war. Am nächsten Tag ließ sie Frauen suchen, die das Zauberlied kannten, mittels dessen sie ihre Wahrsagerei treiben konnte. Dieses Lied hieß varðlokkur (wörtlich: Schutzlockung, ein Lied, um Geister heraufzubeschwören).
Nur eine einzige junge Frau kannte dieses Lied; sie hatte es von ihrer Pflegemutter auf Island gelernt. Da sie Christin war, weigerte sie sich zunächst, an der Wahrsagerei teilzunehmen; Thorkel aber wusste sie dennoch zu überreden. Die Frauen bildeten nun einen Kreis um die Bühne auf dem die Völva saß. Die junge Frau sang das Zauberlied sehr gut, und nach der ‚Séance‘ dankte die Völva ihr und sagte, es seien viele Geister gekommen, und diese hätten großen Gefallen gefunden an dem Lied, da es so gut gesungen worden sei. „Auch Geister, die sich früher von mir abgekehrt hatten und mir nicht mehr gehorchen wollten. Und mir sind jetzt viele Dinge klar, die mir und vielen anderen zuvor verborgen waren.“ Sie prophezeite dann das Ende der Hungersnot auf den kommenden Frühling und weissagte ferner, die junge Frau, die für sie gesungen hatte, werde auf Island die Stammmutter eines angesehenen Geschlechtes werden. Sie beantwortete auch alle Fragen, welche die Leute ihr stellten; fast alles, was sie vorhersagte, traf ein.‘

Das klingt natürlich alles sehr idealisierend. Auch ist das kein schamanisches Ritual, wenn auch Bezüge überall zu greifen sind. Aber auf der Basis heilender und segnender gemeinschaftlicher Gesänge könnte ich mir durchaus ein neues Ritual in dieser germanischen Tradition vorstellen.

 

 

 

 

Ob Seidr mit ‚sieden‘ und dem weiblich empfundenen Kessel zusammenhängt, ist nicht gesichert, öffnet aber den Raum für Magie im weiteren Sinne: Kräuter und bewusstseinserweiternde Substanzen können einbezogen werden, das magische Zubereiten von Elixieren. Auch psychisch ist der siedende Kessel ein gutes Bild für den ekstatischen Bewusstseinszustand.

 

 

 

 

 

Bild: Odin lernt den Seidr bei Freya

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

DIE TRUDH - EIN BEISPIEL FÜR DIE DÄMONISIERUNG DER GÖTTINNEN IM CHRISTENTUM

 

 

 

Trudh war die (einzige) Tochter des Gottes Thor, die er mit Sif hatte. Ein Zwerg begehrte sie, konnte sie aber nicht erobern und erstarrte zu einem Stein. Im Zuge der Christianisierung wurde sie völlig dämonisiert. ‚Mich drückt die Trud‘, sagte man, wenn man einen Druck auf der Brust spürte, der einem den Atem nahm. In Tirol zählte sie zu den bösen Geistern, die sich mit Vorliebe auf gebärende Mütter setzten und sie in der Nacht plagten. Ein Trudenfuß sollte hier Abhilfe leisten. Auch die Tiere soll sie geplagt und sich ihnen ins Genick gesetzt haben.

 

Die Brüder Grimm haben aus einem Gedicht über Frau Trude ein Märchen geformt, in dem ein nur auf sich gestelltes Mädchen mit seiner Initiation scheitert.

 

 

FRAU TRUDE

 

 

Es war einmal ein kleines Mädchen, das war eigensinnig und vorwitzig, und wenn ihm seine Eltern etwas sagten, so gehorchte es nicht: wie konnte es dem gut gehen? Eines Tages sagte es zu seinen Eltern: "Ich habe so viel von der Frau Trude gehört, ich will einmal zu ihr hingehen, die Leute sagen, es sehe so wunderlich bei ihr aus, und erzählen, es seien so seltsame Dinge in ihrem Hause, da bin ich ganz neugierig geworden." Die Eltern verboten es ihr streng und sagten: "Die Frau Trude ist eine böse Frau, die gottlose Dinge treibt, und wenn du zu ihr hingehst, so bist du unser Kind nicht mehr." Aber das Mädchen kehrte sich nicht an das Verbot seiner Eltern und ging doch zu der Frau Trude. Und als es zu ihr kam, fragte die Frau Trude: "Warum bist du so bleich?" - "Ach," antwortete es und zitterte am Leibe, "ich habe mich so erschrocken über das, was ich gesehen habe." - "Was hast du gesehen?" - "Ich sah auf Eurer Stiege einen schwarzen Mann." - "Das war ein Köhler." - "Dann sah ich einen grünen Mann." - "Das war ein Jäger." - "Danach sah ich einen blutroten Mann." - "Das war ein Metzger." - "Ach, Frau Trude, mir grauste, ich sah durchs Fenster und sah Euch nicht, wohl aber den Teufel mit feurigem Kopf." - "Oho," sagte sie, "so hast du die Hexe in ihrem rechten Schmuck gesehen: ich habe schon lange auf dich gewartet und nach dir verlangt, du sollst mir leuchten." Da verwandelte sie das Mädchen in einen Holzblock und warf ihn ins Feuer. Und als er in voller Glut war, setzte sie sich daneben, wärmte sich daran und sprach: "Das leuchtet einmal hell!" (KHM 43).

 

 

 

Ein furchtbares, grausames Warn- und Schreckmärchen für das ungehorsame, zu neugierige Kind - oder? Dieser Stoff hatte aber einmal einen anderen Sinn. Er war eine Initiationsgeschichte für ein Mädchen, das, einer inneren Ahnung folgend, sich zu dem aufmacht, was sie noch nicht kennt. Frau Trude ist doch ihre eigene, noch nicht entfaltete Kraft und Stärke! ‚Trud‘ bedeutet ahd. Kraft, Stärke (s. Gertrud, Ortrud, Irmtrud, Edeltrud …).

 

Wie dies gelingen kann, wird im russischen Märchen ‚Wassilissa die Wunderschöne‘ ausgeführt Hier durchläuft das Mädchen bei der Frau im Wald erfolgreich alle Stationen und bekommt das Feuer der Hexe geschenkt. Sie ist zwar neugierig, aber nicht zu neugierig. Sie erfragt nicht alles in Bezug auf die drei Reiter der Baba Yaga.

 

In dieser Erzählung stirbt die Märchenheldin in ihrem Feuer. Sie begegnet ebf. den drei männlichen Aspekte der Frau Trude: dem Schwarzen und Dunklen, dem Roten und Vitalen, dem Grünen und Fruchtbaren. Frau Trude ist eigentlich die Frau, die Tod, Geburt und Fruchtbarkeit bei sich hat, die aber ihre Geheimnisse nie ganz preisgibt. Als Tochter des Gottes Thor, ausgestattet mit der ehrenvollen Anrede 'Frau', repräsentiert sie hier die Göttin.

Wie die russische Baba-Yaga wohnt sie zwischen hier und dort, zwischen Leben und Tod. Sie hat eine Hütte und ein Feuer. Man kann darin umkommen, man kann da aber auch als erwachsener und beschenkter Mensch wieder herauskommen. Entscheidend ist, ob man in seine Angst geht - oder in seinen Mut. Dazu braucht man meist etwas Hilfe. Das russische Mädchen hatte eine Puppe von ihrer Mutter bei sich. Ihr stand die verstorbene Mutter bei. Das Mädchen hier hat keine Hilfe von ihren Eltern, für sie sind das alles 'gottlose Dinge', die die Frau tut. So wird ihm schreckensbleich bei den unheimlichen Männern: dem räuchernden Köhler, dem tötenden Jäger und dem Blut vergießenden Metzger. Und zuletzt graust es ihm, als sie die Frau selbst mit ihrer feurigen Aura sieht. Niemand sagt ihr, dass die Göttin hell u n d dunkel ist, dass Feuer verbrennt u n d wärmt, dass Böses zusammen mit dem Guten besteht und dass sie sich n i c h t zu fürchten braucht. In einem anderen Märchen wird das alte Wissen klar vermittelt: „tust du ohne Furcht, was die Alte verlangt, so kann sie dir nichts anhaben, fürchtest du dich aber, so packt dich das Feuer und verzehrt dich“ (Der Trommler, KHM 193)

So verbrennt sie und geht hell leuchtend in das Totenreich ein.

 

 

 

Bild: Thor und seine Tochter neben dem versteinerten Zwerg, W. G. Collingwood 1908

 

 

 

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