Jürgen Wagner
Jürgen Wagner

MÄNNLICHE GOTTHEITEN

ODIN/WODAN: DIE GÖTTLICHE WUOT

 

 

 

Der germanische Göttervater hat etwas zu tun mit einer Gemütsbewegung, die leidenschaftlich, ungestüm ausfallen kann (wütend), aber auch sanft und leise (watend; die (lat.) vates sind die Seher, Dichter, Wahrsager). Die Christen setzten Odin gerne als Wüterich herab. Allerdings hatten zuvor schon die Heiden seine wilde, leidenschaftliche Seite mehr hervorgekehrt als seine sanfte und milde.

"Im Sturm der Elemente wie im Toben der Schlacht" sprach der Gott wohl vernehmlicher zu unseren Vorfahren "als im linden Säuseln des Hains" (Karl Simrock)

In einer kriegerischen Zeit geht die Erregung ins Excessive. Die Berserker sind das berüchtigtste Beispiel, Kämpfer in der ersten Reihe, die in Verbindung mit der Kraft der Bären oder Wölfe sich in Raserei versetzten und ungeachtet aller Wunden und Schmerzen angriffen und kämpften. Odin war denn auch vornehmlich der Gott der Krieger, der sie unterstützte und sie auch im Tod heimholte.

Doch das war eben nur die eine Seite. Er war nämlich auch beständig auf der Suche nach Weisheit und war dafür zu großen Opfern bereit. Für einen Schluck aus dem Urbrunnen gab er sein rechtes Auge. Für die Runen hängte er sich 9 Tage und Nächte kopfüber in den Weltenbaum. Diese Hingabe ist außergewöhnlich. Charakteristisch für sein Wesen ist, wie er den Dichtermet einem Riesen abluchst und ihn nach Asgard bringt:

 

Zunächst versuchte Odin, an den Riesen Ödrörir heranzukommen, indem er sich als Knecht bei Baugi verdingte. Dafür hetzte Odin die beiden Knechte des Baugi aufeinander, so dass sie sich gegenseitig töteten. Nun wurde er zu Baugis Knecht. Und Odin war als Knecht so tüchtig, dass er die Arbeit von neun Knechten ersetzte. Als Lohn versprach ihm Baugi einen Schluck des Dichermet Ödrörir. Gemeinsam gingen sie zu Baugis Bruder, der den Zugang zum Dichtermet bewachte. Baugis Bruder aber weigerte sich, Odin auch nur einen Tropfen des Dichtermet zu geben.
Darauf überredet Odin den Riesen Baugi, mit einem Bohrer ein Loch in den Berg zu bohren. Kaum war das Loch gebohrt, schlüpfte Odin in Gestalt einer Schlange in den Berg.
Der Kessel mit dem Dichtermet aber wurde von Gunnlöð, der Tochter von Baugi, bewacht. Wieder musste Odin sich etwas einfallen lassen. Nachdem Odin drei Nächte mit Gunnlöð verbracht hatte, gab Gunnlöð ihm zum Dank drei Schluck des Dichtermets.
Sogleich verwandelte sich Odin in einen Adler und flog zurück nach Asgard. Dort spie er den Met in die Schüsseln der Asen.
Seitdem erfreuen sich die Asen an dem köstlichen Honigwein. Er versetzt sie in Rauschzustände und wird eigens von Odin sorgsam gehütet.

 

 

Mein persönlicher Eindruck ist, dass Odin als schamanischer Archetypus einen riesigen Gegensatz in sich vereint, der noch eine Brücke braucht, um wirklich gelebt werden zu können. Die Krieger zu unterstützen und gleichzeitig die Weisheit zu suchen kommt an Grenzen. Man kann nicht mit den zwei Wölfen 'Gierig' und 'Gefräßig' unterwegs sein (Geri und Freki) und dabei Gerechtigkeit schaffen oder Frieden stiften. Man kann auch nicht mit den flüchtigen Gedanken und Erinnerungen (Hugin und Munin) leben und zur Ruhe im Geist gelangen.

 

Odins Weisheit umfasst Ideenreichtum, Geschicklichkeit, Wandelbarkeit und Listigkeit. Er ist der Poesie ebenso zugetan wie der Magie. Er hat eine große geistige Spannweite. Und dennoch war ihm seine Frau Frigga oft genug überlegen in ihrer Voraussicht, aber sie agierte nur im Hintergrund.

 

Das fehlende Bindeglied ist hier wohl die Liebe, die in mehreren Schattierungen durch das Christentum hinzu kam: als Barmherzigkeit, als Nächstenliebe, als Gottesliebe, als Feindesliebe, als Vergebung. Vielleicht war es ein Glück, dass hier etwas kam, dass das Christentum die Vergebung gegen die Rache- und Kriegsspirale etablierte und die Liebe gegen den Hass. Friedlich ging das nicht zu, aber das war bei dem Temperament wohl auch nicht zu erwarten.

 

Fazit: unsere Kämpfernatur wie unsere Geistnatur, den Wodan, brauchen wir nicht verleugnen, das gehört zu unserem Erbe. Aber sie sollten gepaart sein mit der Weisheit der Liebe, der Gerechtigkeit und des Friedens - hin und wieder auch mit List, Schlagfertigkeit, Beweglichkeit, Einfallsreichtum. Gier und Gefräßigkeit müssen gewandelt werden in maßvolles Geben und Nehmen. Gedanken und Erinnerungen brauchen den stillen Geist, der zu seiner Ruhe kommt und aus ihr schöpft wie aus einem klaren See.

 

 

 

 

 

 

 

 

Hugin und Munin

 

 

 

 

Der Göttervater reiste nicht allein,

zwei schwarze Raben waren sein

Früh morgens flogen sie hinaus

und brachten Kunde spät nach Haus,

 

was in der Welt war heut‘ gescheh‘n,

wo auch ein Gott mag mal drauf seh‘n,

ob das noch klug und weise ist,

wo man die Rücksicht jäh vergisst

 

und nur noch seinem Willen folgt.

Da wird, was keiner mehr gewollt

Das kann man schon von weitem seh’n,

was da einmal wird draus entsteh’n

 

Erinn’re dich doch, wer du bist

Hör nicht auf diesen ganzen Mist

Dein Geist sei klar und konzentriert

Die Lösung kommt nicht, wenn‘s pressiert

 

Der Tod ist näher, als du denkst

Wenn Du ihn einmal richtig kennst,

dient er dem Leben, seinem Gang

Vor Wandel sei dir niemals bang!

 

 

 

Hugin (der Gedanke) und Munin (das Gedächtnis) sind die zwei Raben, die Odin ständig begleiteten. Er schickte sie allmorgendlich an den Himmel, damit sie ihm erichteten, was in der Welt vorging. Die Verbindung der Raben als Aasfresser zum Totenreich sowie ihre Klugheit und Cleverness setzten den Göttervater erst imstande, seiner umfassenden Rolle gerecht zu werden. In vielen Traditionen waren und sind die Raben als Kraft- und Totemtiere hoch geachtet und begleiten den Menschen – nicht nur den Schamanen – auf seiner Reise. So war Odin auch als der Rabengott bekannt (Hrafnagut).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

THOR/DONAR

 

 

 

ist der germanische Gott des Donners, verwandt mit Jupiter, Zeus und dem keltischen Taranis, die den steinernen Donnerkeil als Waffe nutzten, der durch den Blitzstrahl vom Himmel zur Erde geworfen wurde. So ist auch der Hammer das Attribut des Thor. Was auf der einen Seite zerstöreriche Macht hat, ist auf der anderen auch das, was das Leben erhält und segnet. Mit dem Regen bringt das Gewitter eben auch Fruchtbarkeit und Gedeihen. So wundert es nicht, dass Thor einer der beliebtesten Götter bei den nordischen Völkern war. Insbesondere für die seefahrenden Völker war der Wettergott zentral. Noch heute finden sich in Skandinavien viele Ortsnamen, die ihn beinhalten. Auch die Namen Thorsten, Thorwald, der Donnerstag oder der Donnersberg in Rheinland-Pfalz haben  Bezug auf ihn.

 

Er ist wie andere Himmels-und Wettergottheiten auch der, der mit der Urschlange, dem Drachen kämpft und die Ordnung der Welt aufrecht erhält.

 

Eine typische Donars-Erfahrung finden wir in der Biographie Martin Luthers. Während eines furchtbaren Gewitters entschloss er sich, sein Leben Gott zu weihen und ein Mönch zu werden, wenn er dies überlebe. Was daraus entstanden ist, ist bekannt: eine christliche Reformationsbewegung, die sich weltweit ausgebreitet hat und bis heute ein gewichtiges Wort in der Christenheit mitredet. 

 

 

Die EICHE ist ihm geweiht, die der Blitz gerne aufsucht. Nicht zuletzt entschied sich an der Donareiche zu Geismar 723 n. Chr. unser abendländisches Schicksal, als Bonifatius sie in einem Gottesurteil vor Publikum unbehelligt fällen konnte. Nun war klar, wer die größere geistige Macht hatte! Keiner der Vertreter der alten Religion kam auf die Idee oder wagte es, mal öffentlich ein Kreuz zu zerschlagen und zu schauen, ob der Christengott da wohl zu Hilfe käme.

 

THOR ist in der Mythologie facettenreich: stark und tapfer, furchtbar und zerstörerisch, aber ebenso beständig, zuverlässig und heilbringend. Als Sohn des Göttervaters Odin und der ErdmutterJörd ist er einer der wichtigsten Schutzmächte der alten Germanen und Wikinger.

 

 

Wer meint, dies sei von der jüdisch-christlichen Tradition meilenweit entfernt, mag sich daran erinnern, dass auch dort die Gottheit beides in sich trägt: den Zorn und das Gericht ebenso wie die Barmherzigkeit und den Segen.

 

Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der HERR, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?

(Jeremia 23/29)

 

 

 

Bild: Thor mit seinen beiden Ziegenböcken Tanngnjostr und Tanngrisnir über den Gewitterwolken

 

 

 

 

 

 

 

 

DER THORSHAMMER (MJÖLNIR)

 

 

 

 

 

Schon auf den Felsbildern der skandinavischen Bronzezeit sind Hammer-Symbole zu finden, was ein deutlicher Hinweis auf die kultische Funktion des Hammers ist. Nicht umsonst sagt(e) man auch den Schmieden magische und unheimliche Kräfte zu, sind sie doch in der Lage mittels Feuer und Muskelkraft einen Klumpen Erz in ein Werkzeug oder eine Waffe zu verwandeln! Schmiede waren bei den Wikingern ebenso verehrt wie gefürchtet.

 

Das macht deutlich, dass Thor in der Wikinger-Zeit für die Menschen eine ungemein wichtige Rolle spielte und er war der mit Abstand beliebteste Gott. Das lag wohl vor allem an seiner Volksnähe, denn in seinen Charakterzügen verbarg sich eigentlich genau das Bild, das wir noch heute von den Wikingern haben. In der Edda, der nordischen Handschrift aus dem 13. Jahrhundert, wird Thor als ein polternder und hitziger Gott beschrieben, zugleich aber auch als humorvoll und gutmütig und leicht wieder zu versöhnen. Den Kriegern galt er aufgrund seiner Stärke als großes Vorbild, wenngleich Schläue und List nicht gerade seine Stärke waren.

 

Warf Thor seinen Hammer, so blitzte es am Himmel, der Mjölnir flog von ganz alleine in die Hand Thors zurück; der von Ziegen gezogene Streitwagen Thors ließ den Himmel donnern. Nicht umsonst war Thor auch als Donnergott bekannt und hieß bei den Südgermanen Donar, was der Donnerer bedeutet.

 

Mythologisch war Mjölnir das, was das Wort sagt: der Zermalmer. Von den beiden Zwergen Sindri und Brokk geschmiedet war er eine furchtbare Waffe, die ihr Ziel nie verfehlte und von alleine in die Hand des Werfers zurückkehrte. Eingesetzt wurde er gegen die Riesen und gegen die die Welt umspannende Midgardschlange im Urozean. Da Loki allerdings einen der Zwerge beim Schmieden in Gestalt einer Fliege ins Auge stach, geriet der Schaft des Hammers zu kurz - er hat also auch eine Schwachstelle.

 

 

 

Auch heute noch ist der Thorshammer besonders in Skandinavien weit verbreitet und wird zum Zeichen der Verbundenheit mit der nordischen Kultur und Tradition getragen. Die ihn glaubend als Amulett tragen,  die beschützt er auf allen Wegen, gibt Stärke und Kraft und sorgt für Ordnung im Leben. Den Frauen wurde er früher aufs Hochzeitsbett gelegt, auch oft als Grabbeigabe; hier steht er klar für die erhoffte Fruchtbarkeit.

 

 

Die Nationalsozialisten haben dieses Symbol nicht benutzt. Wenn er heute in der rechten Szene auftaucht, dann im Anschluss an die "völkische Bewegung" vor denm ersten Weltkrieg. Verbreitung findet er neben der neuheidnischen auch in der Heavy-Metal-Szene, bei Rockern und in der Schwarzen Szene. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Männliche Habsucht und weiblicher Zorn: wie Frieden und Wohlstand zugrunde gerichtet werden

 

 

 

Das MÜHLENLIED /GROTTASONGR aus der Lieder-Edda erzählt, wie der sagenhafte dänische König Fróði besuchte einst Schweden. Vom schwedischen König kaufte er zwei Sklavinnen aus dem Riesengeschlecht. In Dänemark befanden sich zwei Mühlsteine, die so schwer waren, dass sie kein Mensch benutzen konnte. Mit dieser Mühle hatte es eine besondere Bewandtnis: „Grótti“ konnte mahlen, was immer der sie Bedienende sich wünschte.

Der dänische König zwang die beiden Riesinnen, für ihn Gold, Frieden und Wohlstand zu mahlen. Dabei erlaubte er ihnen nicht länger zu ruhen als für die Zeit des Schlafs eines Kuckucks oder eines Liedes. Diese unmenschliche Behandlung aus Habgier sollte sich rächen. Während die meisten Männer schliefen, sangen die Frauen ihren Zorn heraus und IN DAS MAHLEN HINEIN - und mahlten so dem König das Unheil herbei.

Es kam ähnlich wie in den biblischen Prophetenbüchern: ein fremdes Heer fiel in Fróðis Reich ein, töte den König und viele seiner Männer. Und die Angreifer (Wikinger) segelten mit reicher Beute und den beiden Riesinnen davon.

Auch der Wikingerkönig wollte von der Zaubermühle etwas haben. Er befahl den Riesinnen, für ihn Salz zu mahlen. Als diese gegen Mitternacht fragten, ob er nicht genug Salz habe, verlangte er von ihnen, weiter zu mahlen. Auch er wurde seiner Habsucht nicht Herr. So traf auch ihn das Unheil. Die Schiffe sanken, überladen vom Salz und mit ihnen die Mühlsteine. An der Stelle des Untergangs bildete sich ein Strudel, wo das Wasser durch das Auge der sich drehenden Mühlsteine fällt, auf denen die beiden Frauen weiter Salz mahlen. Dieses sei der Grund, wieso Meerwasser salzig sei.

 

 

 

 

 

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