Jürgen Wagner
Jürgen Wagner

GERMANISCHE UND NORDISCHE MYTHOLOGIE

 

 

 

 

 

 

Als der fränkische König Chlodwig, der bereits viele fränkische und germanische Stämme unterworfen hatte, sich um 500 n. Chr. taufen ließ, war das Schicksal der alten germanischen Götter und Mythen schon fast besiegelt. Der neue Mythos aus dem Orient, der die himmlische Welt auf einen einzigen König mit seinem Sohn und dem gemeinsamen Geist reduzierte, war in seiner Einfachheit und Konzentration einfach stärker und überzeugender als die ewig zerstrittenen beiden Göttergeschlechter und Wesen der germanischen Himmelswelt. Die göttliche Dreifaltigkeit trat das Erbe des Polytheismus an, bereichert durch unterstützende Engel und Heilige, die die Hut der Lebensbereiche der alten Götter übernahmen.

 

Doch dieser neue einzige und eifernde Gott duldete niemand anderen mehr neben sich. Die alten Götter mussten ausnahmslos weichen mit all ihren Symbolen und Riten, Priestern und Stätten. Das war der Preis des Monotheismus. So war es zuvor im Judentum gewesen und später im Islam.

 

Man hielt sich an die alttestamentlichen Vorgaben für die Israeliten für den Umgang mit anderen Kulten:

 

"Ich bin der Herr, dien Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben" (2. Mose 20/1f).

 

 

 

So wurde im Lauf der Jahrhunderte konsequent alles getötet und ausgelöscht, was die alten Kulte ausmachte. Sie wurden verunglimpft, herabgesetzt, entwürdigt, dämonisiert, verboten, vernichtet. Was man nicht auslöschen konnte, wurde überformt oder überbaut. 

 

In der Folge war es eben nicht mehr die Holle/Percht, die in den geweihten Nächten Gaben brachte, sondern es wurden Nikolaus, Knecht Ruprecht und das Christkind, die die Menschen beschenkten - oder auch straften. Die Nornen lebten weiter in den drei Frauen/Feen, die in den Märchen des Volkes weiterhin das Schicksal der Menschen bestimmten. Petrus übernahm das himmlische Wetteramt von Thor, Maria wurde die heimliche Göttin, die die weibliche Seite der Gottheit abdeckte. Die alten Kultstätten wurden, wie z.B. in Chartres, mit einer Kirche überbaut, die alte Heilquelle wurde zugemauert.

 

Auf der Insel IRLAND vollzog sich ein r e l a t i v friedlicher Wandel vom Heidentum zum Christentum, von einem alten zu einem neuen Mythos. Der keltische Sprachraum von Nordfrankreich bis Schottland bewahrte deutlich mehr von der alten Kultur als die fränkisch-germanischen Reiche. Nur noch in ISLAND, das aufgrund des massiven Drucks des getauften norwegischen Königs Olav Trygvasson um 1000 im Althing die Übernahme des Christentums beschloss, verlief der Wandel unblutig, da der Schiedsspruch beinhaltete, dass man auch den alten Göttern in Stille dienen dürfe. So ist auch die altisländische Literatur eine der wenigen verbliebenen Quellen für vorchristliche Spiritualität in (Nord-) Europa.

 

Der Untergang eines Mythos ist der Untergang einer Welt. Solch große Umwälzungen können erst im Nachhinein beurteilt und eingeschätzt werden. Die Brutalität, mit der dieser Umbruch in Europa stattgefunden hat, macht es nötig, das Alte noch einmal anzusehen nach dem christlichen Grundsatz: 'prüfet alles - und das Gute behaltet!' (1. Thess 5/21). Das wollen wir hier wenigstens ansatzweise versuchen.

 

 

 

 

 

 

 

DIE RUNEN

 

 

 

 

 

Wir schreiben seit der Christianisierung Europas alle mit lateinischen Buchstaben und wissen meist nur noch dunkel, dass wir auch mal eine eigene Schrift hatten: die RUNEN. Das waren 24 Buchstaben, die man zunächst allerdings nicht im Alltag verwendete. Jeder Buchstabe war nämlich ein Zeichen, dessen Bedeutung man geheim hielt, so dass nur wenige es kannten. 'Rune', verwandt mit dem Wort 'raunen', bedeutet auch 'Geheimnis'. Sie bergen ein göttliches udn magisches Geheimnis und gehören zu den größten Myterien unserer Vorfahren. Die Nornen nutzten sie und Odin schaute und lernte sie nach einem großen Selbstopfer am Weltenbaum. Sie sind auch heute noch lernbar und anwendbar, aber es braucht eine Hingabe und ein Sich-verbinden mit dem Wesen eines jeden Zeichens. Dann kann man sie zur Divination oder Selbsterkenntnis nutzen - oder, wenn man keinen egoistischen Missbrauch treibt, sie auch mit einem Lied oder Wort schreiben/ritzen und aussenden. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit der Übernahme des christlichen Glaubens und der lateinischen Schrift verschwanden die Runen nach und nach. Erst in unserer Zeit wurde man wieder darauf aufmerksam - und die Spuren- und Deutungsversuche begannen. Man erschloss die Wort- und Sinnbedeutungen und meditierte den alten Futhark mit seinen 24 Zeichen. Man teilte ihn in 3 Reihen von jeweils 8 Runen und versuchte sie als inneren Weg zu lesen. Ebenso kann man ihn zu divinatorischen und magischen Zwecken einsetzen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

DIE RUNEN

 

 

 

Lebenszeichen, die verbinden

Wesenskräfte, die verkünden

Nornenhandwerk, das bewirkt

Schöpferkraft, die sich verbirgt

 

Losorakel, die andeuten

Huldgesänge, die einläuten

Runenzeichen, die zu ritzen

Auszusenden und zu nützen

 

Über Steine, Amulette,

Türespfosten, Münzen, Ställe

Speeresspitzen, Spangen, Stäbe

Knochen, Hölzer und Gewebe

 

Liebe, Reichtum möcht man haben

Wohlstand, Nahrung, hohe Gaben

Kriegsglück, Frauen und Gewinn

Selten Weisheit nur und Sinn

 

Wissend kann man sie verwenden

Wissend soll man sie aussenden

Güte wird zur Segensmacht

Liebe, damit wird’s vollbracht

 

 

 

 

 

 

DER ALTE BRUNN


 

Der alte Brunn, an dem wir standen,

war so dunkel und so leer

Nur ein Schimmer ganz tief drunten

ließ uns ahnen, was da wär

 

Der alte Brunn, in den wir schauten,

war so still und abgrundtief

Doch gab er Antwort einem jeden,

der hier lauschte, der hier rief

 

Der alte Brunn am Weltenbaume

ist Lebensquelle Tag um Tag

So ist der Born in uns lebendig,

quillt und strömt ganz ohne Frag

 

 

 

 

 

 

Das tiefste Symbol in unserer vorchristlichen Tradition ist wohl der Urbrunnen in der nordischen Mythologie. Er birgt die Wasser, die den Weltenbaum tränken. Er ist die Lebensgrundlage schlechthin, vergleichbar den Urwassern in den Schöpfungsmythen vieler Völker (auch 1. Mose 1/2). Auch in der Bibel erscheinen die Lebenswasser und der Lebensbaum dicht beeinander (1. Mose 2/9ff, Ofb 22/14.17). Der mythische Brunnen wird in der Edda dreifach entfaltet:

 

- als Schöpfungsbrunnen Hvergelmir, der Wasser und Leben gibt


- als Schicksals- oder Urdbrunnen, an dem die Nornen weilen, die Schicksalsfäden spinnen und den Weltenbaum gießen


- als Brunnen Mimirs, Quelle der Weisheit und des Wissens.

 

 

Die biblische Tradition dagegen ist von der Wüste her geprägt. Hier war der Brunnen etwas, wovon das Leben des ganzen Dorfes, der Stadt abhing. Dort traf man sich, dort lernten sich auch spätere Paare kennen wie Isaak und Rebecca oder Jakob und Rahel. Aber es war auch ein Ort, wo Streitigkeiten begannen um das kostbare Nass und ausgetragen wurden. 

 

 

Auch die Propheten haben das Bild des Brunnens manchmal benutzt:

Mein Volk hat sich zweifach vergangen: Mich, die Quelle des lebendigen Wassers haben sie verlassen, um sich Zisternen zu graben, löcherige Zisternen, die kein Wasser halten!" (Jer 2,13).

Im Neuen Testament wird die Symbolik noch etwas weiter ausgezogen. Jesus trifft die Samariterin am Brunnen und unterhält sich mit hier. Auch hier gibt es die prophetische Schau, weil er ihr auf den Kopf zusagt, wie es um sie steht. Geheimnisvoll spricht er vom Lebenswasser, das ihr helfen kann und ihren Durst nach Liebe und Männern stillt.

 

Im letzten Buch der Bibel ist auch vom Wasser des Lebens die Rede, das umsonst ausgegeben wird für alle, die es suchen. Ebenso wird der Lebensbaum noch einmal erwähnt, an dem ebenfalls alle teilhaben sollen.

 

 

 

 

Líf und Lífthrasir (beide Namen enthalten die Wurzel „Leben“) sind das Menschenpaar, das in der germanischen Mythologie als einziges die Götterdämmerung und die damit verknüpften Katastrophen übersteht und nach dem Ende der apokalyptischen Ereignisse die Welt mit seinen Nachkommen neu bevölkert.

 

 

 

Yggdrasil

 

 

 

 

 

Da war einmal ein alter Traum
Die Welt, sie wäre wie ein Baum

Ein Adler, der sitzt im Geäst

In seinem Aug ein Habicht fest

Die Ziege Heidrun, die dort frisst

Die Toten nährt, wie ihr wohl wisst

 

Der Drache unten ist gefährlich

Er nagt am Wurzelwerk begehrlich

Das Eichhörnchen möchte vermitteln

Und hat den schwier‘gen Part des Dritten

Denn nur gehässig sind die Worte

Am hohen und am tiefen Orte

 

Die Krone ist das Himmelreich

Sie ist dem Geist, den Göttern gleich

Da grünt‘s und blüht‘s, da trägt es Früchte

Man ist im Glanz, im vollen Lichte

Hier möchte jeder gerne leben

In stetem Glück und Freude schweben

 

Doch unten ist der Grund des Lebens

Der Halt, die Basis allen Strebens

Wo Wurzeln vielfach sich verzweigen

Mit Kraft durchs Erdreich wachsen, treiben

Zum Wasser und nach Nahrung streben

Da ist ein stilles, dunkles Leben

 

Dazwischen ist die Mittelwelt

Wo alles wichtig ist und zählt

Wo Hirsche knabbern an den Trieben

Wo Menschen wohnen, schaffen, lieben

Groß ist die Lust -  und groß die Not

Und Fäulnis an dem Stamme droht

 

Den g a n z e n Baum, den darf man ehren

Verstehen, achten, hüten, nähren

Ein Reich alleine ist verloren

Denn alles ist so tief verschworen

Wir alle dürfen uns entwickeln

Und manchmal muss man doch vermitteln

 

 

 

 

 

Anm.: Ratatöskr ist das Eichhörnchen in der Edda, das zwischen oben und unten vermitteln will. Da aber die Wesen und Welten so unterschiedlich sind, kommt es nur zu Gehässigkeiten zwischen Adler und Drache.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

WIE IST DIE WELT?

 

 

 

Wie ist die Welt? Man glaubt es kaum

Die Alten sagten: wie ein Baum!

Im Wipfel thront das Himmelreich.

Die Unterwelt, dem Erdreich gleich

 

Hat ihre Wurzeln tief verborgen

Hier ist die Kraft, da ist’s geworden!

Hier kehrt ein jedes nach seinem Tod

Zurück, befreit von aller Not

 

Die Mittelwelt am hellen Tage

Schenkt einen Becher Glück und Plage

Hier wohnen wir mit allen Wesen

Die dieses Leben hat erlesen

 

Die Schlange, sie gehört zur Welt

Ein jeder sich Gefahren stellt

Das Maß, die Dosis macht’s mithin

Was Gift sei – und was Medizin

 

Das Schicksal wohnt an diesem Ort

Es nimmt uns mit und reißt uns fort

So lang wir Baum und Wälder hegen

Gibt uns der Weltenbaum den Segen

 

 

 

 

 

 

RAGNARÖK

 

 

 

Wenn es an die Wurzel geht

Wenn es heißt: es ist zu spät!

Wenn das Feuer alles frisst

Wenn kein Mensch mehr das ermisst

 

Wenn die Kriege sich ausbreiten

Wenn so viele Wesen leiden

Wenn die Ängste uns erfassen

Wenn es Tote gibt in Massen

 

Dann ist die alte Welt am Ende

Dann braucht es eine große Wende

Dann hat man’s wohl zu weit getrieben

Wie’s in den Schriften stand geschrieben

 

Dann muss was Neues auferstehen

Dann muss man neue Wege gehen

Dann hat man irgendwo versagt

So ist ein neuer Mensch gefragt

 

 

 

 

Ragnarök ('Das Ende der Götter') ist die germanische Apokalypse 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Mühlenlied (Gróttasöngr)

 

 

 

 

Stell Dir vor, du hättest eine Mühle

Die dir mahlt, was du dir wünschst

Was würdest du sie heute bitten?

Bedenke wohl, was du gewinnst!

 

 

 

In Gotland war’s, zu alten Zeiten

Der König Frodi herrschte dort

Er kaufte sich zwei starke Frauen

Und Mühle Grotti – die sofort!

 

Menja und Fenja mussten mahlen

Fast ohne Ruh von früh bis spät

Nur während eines Liedes Dauer

Da hat das Rad sich nicht gedreht

 

Reichtum, Glanz und Macht und Freude

Das mahlten sie den ganzen Tag

Der König war ein großer Herrscher -

Die Arbeit eine große Plag

 

Er konnte nicht mehr innehalten

Er wollte mehr und immer mehr

Noch schneller sollte es sich drehen:

Das Mühlrad knirschte bereits sehr

 

Und sie, die vom Geschlecht der Riesen

- Zu kämpfen waren sie gewohnt -

Des nachts begannen sie zu singen

Und mahlten, mahlten, dass sich’s lohnt

 

Den ganzen Kummer ihrer Seele

Der floss in ihre Arbeit ein

Die Mühle hörte es und mahlte

Die ganzen Herzenswünsche rein:

 

Das Unrecht, das sie hier erlitten

Die Habgier, die kein Ende nahm

Sie brauchten nur zu sprechen, bitten

Die Gerechtigkeit, die kam!

 

Ein Feindesheer, das ist gekommen

Und hat den König umgebracht

Die Mühle haben sie genommen

Und reiche Beute noch gemacht

 

Auf hoher See befahl der Herrscher

Er wolle Salz, das ohne End -

Da schließlich ist sein Schiff gesunken

Die Mühle, die kein Mensch mehr kennt

 

Die mahlte unverdrossen weiter

Dort unten, auf dem Meeresgrund

Bis heute ist sie so am Werke

Und salzt die See – und unsern Mund

 

 

 

 

Das magische Grundmotiv der altnordischen Sage Grottasöngr (Grottis Lied) hat sich in einigen Volksmärchen erhalten (Die Mühle, die auf dem Meeresgrund mahlt; Der süße Brei). Dass aber ein ganzes Reich zugrunde gehen kann an der Habgier eines einzigen Herrschers, ist eine Aussage, die sich nur im Original findet. Es spielt im Dänemark zur Zeit des römischen Kaisers Augustus. Auch Frodi galt als ein König, der ein Reich des Friedens und Wohlstandes regierte. Bis ein Seekönig dem ein Ende machte ... .

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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